Kleine Geschichte meines Lesens

[etweet]Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam[/etweet]. Sobald ich lesen konnte und das ging schnell. Onkel Werner hat sein Leben lang jedem erzählt: „Der konnte als Kind die Zeitung von hinten lesen“, damit meinte er, dass ich sogar von gegenüber mitlas, wenn er am Küchentisch seine Bildzeitung las, die ich ihm morgens bei Ketters Pat für 10 Pfennig holte.

Ich habe wirklich alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung.

Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: „Camelia schenkt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen“. Ich wusste zwar nicht, wer diese Camelia ist, aber das hing bei Herrn Stenger im Schaufenster der Drogerie gegenüber.

Bei ihm gab es auch im Laden viel zu lesen. Das war noch eine von den Drogerien mit Wänden voller Holzschubladen und auf jeder ein Emailleschild mit fremdartigen Namen.

Manchmal fand ich in der Schublade, in der mein Vater Kruschtelkram aufbewahrte, einen Sexroman. Den habe ich dann natürlich auch verschlungen, ich meine jetzt geistig, da war ich aber schon ein bisschen älter. Irgendwann habe ich den Armen dann scheinheilig, wie ich damals manchmal sein konnte, damit konfrontiert, was er heimlich für Sachen liest. Er hat es einfach abgestritten.

Bei meinem Geburtstag in diesem Jahr erzählte mir mein Bruder zu fortgeschrittener Runde, dass er die Bücher damals in der Schublade versteckt hatte. Lieber Vati, ich hoffe, Du hörst meine Abbitte.

Zwei Bücher konnte ich nur mit Mühe lesen
. Ich glaube, ich habe sie gar nicht zu Ende gelesen: „Onkel Toms Hütte“, wo ich zum ersten Mal von Sklaven las und furchtbar fand, wie man die Neger behandelte (damals durfte man noch arglos „Neger“ sagen, das war etwas ganz anderes als „Nigger“)war das eine, das andere war „Oliver Twist“. Dem armen Jungen ging es noch viel schlimmer als mir und das war manchmal schon schlimm genug.

Einmal kam „Aunt Emily“ zu Besuch
. Aunt Emily kam aus Amerika, war eine reiche, alte Dame aus einem im 19. Jahrhundert ausgewanderten Zweig unserer Familie. Nach ihrer Rückkehr bekam ich Monat für Monat den „Readers Digest“ in der deutschen Fassung zugeschickt, ein Sammelsurium von Geschichten. Herrlich.

Noch herrlicher war das „Neue Universum“,
ein dickes Buch, das es jedes jahr neu gab mit einer Mischung von spannenden Geschichten, Bildern aus Afrika und sonstwo und interessanten Zukunftsvisionen. Das Jahr „2000“ stand damals für „soweit weg, dass man sich noch gar nicht vorstellen kann, wie es dann sein wird“. Ich fand das sehr merkwürdig, als ich damals nachrechnete, dass ich das Jahr 2000 vielleicht einmal erleben würde, aber als ganz alter Mann, fast 50.

Und als wir in der Schule „1984“ gelesen haben, stand 1984 auch noch für eine ferne Zukunft

Bei uns zuhause gab es keine Bildzeitung, sondern das Darmstädter Tageblatt, das irgendwann -wie man munkelte auf krummen Touren – vom Darmstädter Echo aufgekauft wurde, das wiederum echte Darmstädter gar nicht schätzten, weil es aus Mainz gesteuert wurde. Jedenfalls war ein Glück, dass das Tagblatt viel dicker war als das Echo und deshalb mehr drin war zum Lesen.

Jetzt sagen Sie nicht: „ein kleiner Junge liest doch nicht die ganze Zeitung“ – ich tat das. Und nicht nur das. Ich las sogar die zerrissenen Zeitungsstücke, die bei Onkel Werner im Klo an einem Drahthaken hingen.

Seitdem macht mich der Gedanke krank, ich müsste einmal aufs Klo gehen ohne etwas zum Lesen dabei zu haben.

Aber meine Eltern hatten auch ein Bücherregal. Sie waren einfache Leute – aber sie lasen. Ich möchte gar nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht gelesen hätte.

Ihr Bücherregal war eine kleine Fundgrube. Nichts davon war für einen kleinen Jungen geeignet und alles habe ich gelesen. Meine Eltern hat das belustigt, aber sie fanden es gut.

Ich las also Gedichte von Goethe, einen Ganghofer-Roman, einen Bildband über die Hitlerjugend, das Gesangbuch, die Mappe meines Urgroßvaters, Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer und wie die Bücher alle hießen.

Zum Glück gab es im Vorderhaus einen kleinen Schreibwarenladen, in dem ein Regal mit „Leihromanen“ stand. Für 10 oder 20 Pfennig lieh meine Mutter dann einen Roman aus der Reihe „Stiefkinder des Glücks“, den ich in einer Nacht verschlang und mir die Tränen ausweinte. Seitdem weine ich immer bei „Nur die Liebe zählt“.

Ich war noch im Kindergarten, als meine Mutter von einem Elternabend zurückkam, auf den sie für den Bücherbund geworben wurde. Seitdem kam alle drei Monate ein neues Buch, manchmal wusste meine Mutter nicht, wie sie es bezahlen konnte. Aber wir hatten zu lesen. Meistens hat sie nichts ausgesucht und es kam der „Hauptvorschlagsband“. So kam die ganze Angelique-Sammlung in unser Haus. Die mochte ich nicht so.

In der dritten Klasse machten wir einen Ausflug in die Stadtbücherei. Von dan an schleppte ich jede Woche drei Bücher nach Hause, mehr durfte man nicht mitnehmen und früher als nach einer Woche durfte man auch nicht wiederkommen. Das hätte nie gereicht für die ganze Woche!

Für mein erstes selbst gekauftes Buch habe ich alles Geld genommen, was ich für einen Schulausflug mit einer Schifffahrt auf dem Rhein bekommen habe. Ich habe halt kein Sinalco getrunken und kein Würstchen gegessen, sondern „Die schönsten Sagen vom Rhein“ gekauft.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich genug Taschengeld bekam, um mir jeden Monat ein Buch kaufen zu können. Ein Taschenbuch kostete nämlich 2,20 und dafür reichte mein Geld gerade.
Das erste, was ich erstand war Borcherts „Draußen vor der Tür“. Sie sehen, meine Ansprüche waren gewachsen.

Bei Onkel Werner, bei dem ich in den Ferien immer war und einmal ein paar Monate verbrachte und in die Zwergschule ging, wo sie noch mit Griffeln auf Schiefertafeln schrieben, gab es nur eine Kiste mit Büchern auf dem Speicher. Da musste ich halt die Bildzeitung und die Romanhefte lesen, die sich da stapelten. Jerry Cotton vor allem. Seitdem bin ich Krimifan.

Bei Onkel Wernerwurde eigentlich nie Licht angemacht. Wenn es dunkel wurde, ging man ins Bett. Ich musste aber einfach nachts weiterlesen. Einfach war das nicht, weil die Zimmertür eine kleine Milchglasscheibe hatte, durch die das Licht durchschimmerte. Also das Nachttischlämpchen abgeschirmt oder ins Bett gestellt, dass es vom Nachttisch verdeckt wurde (in dem natürlich noch ein Nachttopf stand, was jetzt aber nichts zur Sache tut).

Glücklicherweise bekam man auch was umsonst zum Lesen. Beim Schuhkaufen bekam man Lurchis Abenteuer, beim Bäcker damals schon die Bäckerblume, beim Metzger die Fleischerpost und beim Friseur konnte man „Micky Maus“ oder „Fix und Foxi“ lesen. Das hätte ich zuhause nie gedurft, das war Schundliteratur. In der Jungschar haben sie uns jedes Heft Schundliteratur gegen ein wertvolles Erbauuungsheftchen ausgetauscht.

Ehrlich gesagt, verstehe ich Menschen nicht, die sich ein Schild „Hier keine Werbung einwerfen“ an den Briefkasten babben. Ich würde am liebsten eins hinkleben: „Hier bitte jede Werbung einwerfen“

Bücher lese ich heute nur noch im Zug zweimal die Woche, auf dem Klo und im Urlaub. Nur wenn mich ein Buch absolut fesselt, lese ich abends im Bett und in jeder freien Minute weiter. Oder ich lege mich für zwei Stunden in die Badewanne, drehe von Zeit zu Zeit mit den Füßen den Heißwasserkran auf und lese.

Wenn der Urlaub naht, bekomme ich aber leichte Panik, ob ich genügend gute Bücher finde, die ich noch nicht kenne und mitnehmen kann. Bücher und Unterhosen rechne ich ein Teil pro Tag. Meistens muss ich unterwegs nachkaufen. Bücher. Unterhosen reichen meistens.

Ja, das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer. Für mich begann es, als ich zum erstenmal ein eigenes Buch bekam und mich da hineinschnupperte. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger, und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert.

Astrid Lindgren

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0 Kommentare

  1. sehr herrlich das und manches direkt wie von mir :)Habe beispielsweise meine kleine Schwester gehütet und gerne im Kinderwagen mit dem Bauch lenkend vor mir hergeschoben(bitte keine Nachfagen, weiß nicht mehr wie’s ausging!),aber die Hände brauchte ich ja schließlich für das Buch!

  2. Oh, danke für diesen schönen Artikel!!
    Genau so habe ich es auch erlebt. Ich habe sogar so viel gelesen, dass ich Leseverbot bekam und für 1 Stunde Hausaufgaben 1 Stunde Leseerlaubnis erteilt wurde.
    Ich habe Karl May gelesen, fast sämtliche Bände, weil sie so verlockend grün/golden im Bücherregal meiner Eltern standen.
    Und ich erinnere mich an einen „Panik-Anfall“, als mir im Frankreichurlaub (Anfang 30) mein Buch zu Ende ging und ich keinen Nachschub dabei hatte.
    Ich kaufe mir regelmäßig mehr Bücher als ich lesen kann.
    Und leider merke ich durch die Alterssichtigkeit eine Leseunlust, weil es so anstrengend ist. Über kurz oder lang muss jetzt doch eine Gleitsichtbrille her.
    Hach, danke für das Flashback.
    Und weiterhin viel Spaß beim Lesen.

  3. Ich begann zu lesen, kurz bevor ich in die Schule kam. Es faszinierte mich, und das tut es bis heute.
    Und ich las sogar die Zeitungsblätter, in denen Mama den Fisch mit nach Hause brachte.
    Nur im Zug lese ich nicht gerne. Da schaue ich lieber aus dem Fenster und träume. 😉

  4. lächel, es erinnert mich an meinen Onkel…ausserdem auch an meinen Sohn Julian 10 Jahre alt.

    Er liest Bücher wahrlich auf…was heißt sie sind solange gelesen bis sie auf sind….er hat sich das Lesen auch selbst beigebracht, da war er vier, ebenso wie schreiben.

    Alles was ihn interessiert ist nicht mehr vor ihm sicher seit er lesen kann.
    Mittlerweile haben wir auch Bücher auf dem Gäste-WC:D

  5. bei uns gibt es immer was auf dem Klo zu lesen! Und meine Mutter hatte auch den Deal mit dem Bücherbund, ich habe Angelique geliebt, heimlich! Bin glaub ich bißchen jünger, Baujahr 57, ich durfte das nicht lesen, weil noch zu klien, ne war dat schön so verboten und so romantisch!

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