• Mein Mitgefühl, Herr zu Guttenberg

    Fast vierzig Jahre ist es jetzt her, dass ich am Fachbereich Gesellschaftswissen der Philipps-Universität zu Marburg meine Diplomarbeit ablieferte. Dreifach, gebunden. Auf der letzten Seite musste ich nach der Diplomprüfungsordnung eine Erklärung abgeben: Selbstverständlich entsprach das der Wahrheit. Wo ich einen Gedanken nicht zitiert, aber aufgegriffen habe, bemerkte eine Fußnote “vgl. hierzu XY” und wo ich einem Gedanken eines anderen widersprochen hatte, ohne ihn direkt zu zitieren, stand in den Fußnoten “gegen XY in …”. Diplomarbeiten müssen anders als Doktorarbeiten nicht “zur Lösung wissenschaftlicher Fragen beitragen” und auch nicht “zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führen” (1), wie es in der Promotionsordnung der Universität Bayreuth für das Fach Jura heißt. Hier muss…

  • Zu Hülf ihr Leut! Zu Hülf ihr Leut! – Wenn die Verhältnisse sich umkehren

    Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Eine entzückende kleine gute Nachricht ging heute durch die Presse: Fuchs schießt Jäger ins Bein Irgendwo in Weißrussland, wo sonst nur Wölfe die Pferde vor der Kutsche verschlingen, um dann selbst die Wagen ziehen zu müssen (so erzählte es uns Münchhausen) hat ein Fuchs einem Jäger ins Bein geschossen. Während der ins Krankenhaus musste, konnte sich der Fuchs davon machen. Wirklich geschehen! Jedenfalls wird es so von dpa berichtet. Als der Jäger dem nur angeschossenen Fuchsen einen Kolbenhieb verpassen wollte, holte der mit der Pfote aus, traf den Abzug und schoss ihm so ins Bein. Eine ähnliche Geschichte kenne ich eigentlich nur aus…

  • Und bewahre uns vor den Quoten. Ein paar Worte zum Unglück des Samuel K.

    Heute morgen berichtete die österreichische Boulevardzeitung “Österreich” über die gestrige Sendung “Wetten, dass…”. “Robbie holte Show aus dem Koma”, dichtete sie in ihrer Titelschlagzeile und meinte damit nicht das Koma, in das der verunglückte Samuel K. später versetzt wurde. “Schlimmster Sensationsjournalismus”, so las man als umgehende Reaktion im Web 2.0. Das war es aber mitnichten. Die “Österreich” hatte nur nicht vorausgesehen, dass ein Unglück geschieht und so hatte sie ihren Artikel im Voraus verfasst, beschrieben wie “Take That” aufgetreten sei und Justin Bieber die Sendung gerettet habe. Peinlich. Aber mich erinnert das an mein Leben. Lebe ich nicht eigentlich auch so, als könnte ich heute abend schon schreiben, was ich…

  • Die Heilige

    Meine Liebste und ich waren uns wieder einig Einig wie immer, fast immer: der gemeinsame Fernsehabend hat sich gelohnt. Der Tatort gestern Abend war spannend und machte nachdenklich. Wieder einmal sind Kritiker anderer Meinung. “Klischee-Krimi im Knast” schreibt Lea Wolz in Stern.de. Ein mittelmäßiger Film sei das gewesen, mit vorhersehbarem Plot, mit Erzählsträngen und Figuren überfrachtet. Letzte Woche habe ich schon einmal geschrieben: “Ich glaube, ich war im falschen Film”. Da las ich über einen grottenlangweiligen Tatort mit einer an den Haaren herbeigezogenen Lösung, der nur durch eine Nebengeschichte aufgewertet wurde: “Tatort: Diesmal ein TV-Genuss”. Schon da habe ich befürchtet, ein zu schlichtes Gemüt zu sein, um angemessen über “Tatorte”…

  • Aufgelesen

    Beim Lesen der Zeitung heute morgen musste ich doch mehrmals schmunzeln. Hoch auf dem schwarzen Wagen Da bekam ein Mann in Köln von seiner Firma im Arbeitsvertrag einen Firmenwagen zur privaten Nutzung zugesichert. Nur dumm, dass seine Firma ein Bestattungsunternehmen war und der Dienstwagen zu privaten Gebrauch ein Leichenwagen. Manche Freaks hätten sich darüber gefreut, sieht das Schwarz doch wirklich totschick aus und man kann den Wagen auch zum Camping nutzen. Nicht so unser Kölner. Er fand es nicht so prickelnd, mit seiner Familie im Leichenwagen spazieren zu fahren und klagte. Das Arbeitsgericht gab ihm Recht. Hilfe, Polizei! rief lauthals ein 69-jähriger Frankfurter, als er gestern eine Frau in seinem…

  • 5 Euro täglich wären auch nur 150 €

    Ab und zu kommt bei mir einer zum Monatsende hin vorbei, dem ich 5 Euro gebe, damit er sich noch was einkaufen kann. Wenn er heute oder morgen kommt, kann ich ihm sagen, dass er ja von Hartz IV jetzt 5 € mehr hat. Die muss er sich einteilen. Spaß beiseite: Was die Regierung da vorschlägt ist ein Hohn. Und erschütternd finde ich, dass angeblich über 50 % der Deutschen den HartzIV-Satz zu hoch finden. Die genaue und transparente Berechnung, die das Verfassungsgericht gefordert hat, liegt ja noch nicht vor. Aber alles, was man im Vorfeld von Regierungsseite gehört hat, zeigt, dass zuerst festgelegt wurde, wieviel herauskommen sollte und dann…

  • Bembel with Care!

    Neulich bekam ich von unserer IT-Firma ein Werbegeschenk. Es hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal erhalten. Nicht etwa, weil ich Ebbelwoi so mag – das natürlich auch. Sondern weil mir der Slogan “Bembel with Care” zu denken gegeben hat. “Handle with Care”, das steht englisch auf den Verpackungen zerbrechlicher Güter. Bei uns steht da nur “Vorsicht Glas”. Aber Care ist mehr als Vorsicht. Es hat die Bedeutung von achtsam, fürsorglich, behutsam. Als vor 27 Jahren meine Frau unsere Tochter zuhause zur Welt brachte, ließ ich einen Sektkorken knallen. Er prallte an die Decke und schlug dicht neben der Neugeborenen ein. In diesem Moment wurde mir klar: es gibt jetzt etwas…

  • Vor Baggerseen wird gewarnt

    Meine Güte, das war doch gestern nur ein ganz harmloser Beitrag zum Schwimmen im Baggersee. Zugegeben, leicht anarchistisch. angehauch´t. Aber doch nur ganz leicht: Und in den neuen Stacheldraht, da schneiden wa uns n Loch – hoffentlich geht das noch Kaum veröffentlicht, erfolgt die prompte Reaktion der Staatsgewalt. Nach Veröffentlichung meines kleinen Beitrags ließ das für mich zuständige Regierungspräsidium in Darmstadt in der Press heute mitteilen: WILDES BAGGERN KANN LEBENSGEFÄHRLICH SEIN Darmstadt. Wildes Baden in Baggerseen kann lebensgefährlich sein – darauf hat das Regierungspräsidium Darmstadt am Dienstag hingewiesen. Die Uferböschungen seien oft sehr steil, Erdreich könne abrutschen. Wenn eiskaltes Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche ströme, drohe ein gefährlicher…

  • Kalenderblatt: Vom Scheitern

    Hast du jemals etwas so bildschön zusammenbrechen sehen? Der erlösende Satz nach der Katastrophe, bevor der Tanz beginnt. Wer Anthony Quinn einmal in der Rolle des Sorbas in “Alexis Sorbas” gesehen hat, wird weder Anthony Quinn noch diesen Satz vergessen. Mit viel Mühe hat Sorbas eine Seilbahn gebaut, die Holzstämme vom Gebirge ins Tal bringen soll. Bei der feierlichen Einweihung werden die ersten Stämme ins Tel befördert, dann werden sie unter dem Gewicht immer schneller, der erste Holzpfeiler bricht und wie ein Domino stürzt die ganze Bahn in sich zusammen. Alles flüchtet, alles rennt… Alexis Sorbas ist einen Moment gelähmt, dann kommt dieser große Satz. Kann Scheitern bildschön sein? Wahrscheinlich…

  • So kann man es auch sehen

    “Mit einer ungeheuren Provokation” seien die Soldaten erwartet worden, als sie in internationalen Gewässern Hilfskonvoischiffe enterten. Verständlich, dass man da schießen muss. Wozu hat man sonst die Waffen mitgenommen. 10 Tote? Mehr? “Ein Missgeschick ist passiert”, so der israelische Oberkommandierende.