Kalenderblatt

Zum 9. November

Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden,
ob wir eines natürlichen Todes sterben,
ob wir nicht wieder hungern,
Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen,
ob wir getrieben werden in Rudeln,
wir haben’s gesehen.
Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen,
den Nächsten belauern,
vom Nächsten belauert werden,
und bei dem Wort Freiheit
weinen müssen.
Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett
oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz,
ob wir es fertigbringen mit
einer Hoffnung zu sterben,
steht noch dahin,
steht alles noch dahin.

Marie Luise Kaschnitz

Kommentare

Geschichten, die das Leben schreibt…

Eine kleine Meldung in der gestrigen Tageszeitung hat mich doch sehr beschäftigt. Da wurde berichtet, dass eine ältere Dame (72) bei einem Unfall schwer verletzt wurde.

Das ist an sich ja schon tragisch, wenn natürlich auch in Frankfurt Unfälle nicht gerade selten sind und leider auch unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger ab und an betroffen sind.

Wer nun hofft, die alte Dame habe „Glück im Unglück“ gehabt, den muss ich zutiefst enttäuschen. Eher „Unglück im Unglück“ könnte man sagen.

Sie befand sich nämlich schon auf dem Weg ins Krankenhaus, als der Unfall geschah.

Ich stelle mir vor: nicht nur als älterer Mensch ist das ja immer eine Aufregung, wenn man ins Krankenhaus muss. Man wartet auf den Krankenwagen, wird dann von hilfreichen Sanitätern oder -Täterinnen auf die Trage oder – in diesem Fall – auf einen Tragestuhl gehievt, da vorsichtshalber angeschnallt…

Wieso um Himmels Willen wird man angeschnallt? Nun ja, Krankenwagen oder SanKas, wie wir Fachleute sagen, sind im Prinzip Autos wie jedes andere auch und da kann viel passieren, wenn man nicht angeschnallt ist.

Ich weiß, wovon ich rede. Vor vielen Jahren wurde ich nach einer schweren Operation auch Portugal zurückgeflogen. Dafür wurden in einem Linienfligzeug die vordersten drei Stuhlreihen ausgebaut und eine Trage für mich eingebaut.
Wohlgemerkt: eine Trage. So nennen wir Fachleute diese Konstruktion zum Liegendtransport von noch Lebenden im Unterschied zur „Bahre“, auf der man später einmaltransportiert wird.

Auf dieser Liege wurde ich selbstverständlich auch festgeschnallt. Was aber nicht viel nutzte. Bei jedem der Starts und Landungen von Porto nach Lissabon, von Lissabon nach Frankfurt und von Frankfurt nach Düsseldorf rutschte ich entweder Fuß- oder kopfwärts weg und konnte mich nur mit Mühe festhalten.

Trotzdem gibt der Gurt natürlich etwas Halt, wer weiß, was mir ohne ihn passiert wäre. Ich wäre im Flugzeug vielleicht einfach weitergeflogen.

Was soll ich Ihnen sagen: so ging es der alten Dame. Ihr hat ihr Gurt leider überhaupt nichts geholfen. Vielmehr, als unser Krankenwagen an einer Kreuzug anfuhr, löste sich der gesamte Stuhl aus seiner Verankerung und schoss Richtung Fahrzeugheck.

Wenn Sie nun glauben, die alte Dame sei unsanft gegen die Rücktür geprallt – weit gefehlt. Der Rollstuhl schoss mi ihr durch die sich freiwillig öffnende Heckklappe hinaus auf die Straße.

Neulich hab ich mal einen Film gesehen, in dem ein alter Mann mit seinem Rollstuhl schreiend einen Bergabhang hinunterrollte, natürlich immer schneller werdend. Das war ein sehr lustiger Film.

Als ich dieser Tage den Kirchentag wegen meines wehen Knies im Rollstuhl verbringen müsste, habe ich manchmal an diesen Film gedacht. Zwar gab es überall in den Bussen und Bahnen Stellplätze für Rollstühle, aber Gurte – wie ich sie von Frankfurt kenne – gab es nicht. Und die Bremsen meines Gefährts waren auch nicht die sichersten.

Wenn ich mich hier schon kaum halten kann, was wäre denn an einer steileren Straße. Naja, glücklicherweise ist die Zeit im Rollstuhl wieder vorbei.

Was im Kopf der alten Dame vorging, als der Krankenwagen sich als Abschussrampe entpuppte, wurde nicht berichtet.
Mir wäre wahrscheinlich das Herz stehen geblieben.

Geschichten, die das Leben schrieb…

Kommentare

In der Brusttasche zu tragen: die Mundorgel wird 60

Haargenau in die Brusttasche der „Kluft“ passte die Mundorgel, die immer dabei sein musste. Schließlich gehörte „Singen“ selbstverständlich zum „Vierklang“ jeder Gruppenstunde: Singen – Spielen – Erzählen – Andacht.

In meinem Bücherschrank findet sich noch ein Exemplar aus den frühen 60er Jahren und eines von 1970.

Mundorgel

Dieses Jahr wird sie 60. Otmar Schulz hat dazu eine schöne Sendung im Deutschlandfunk gemacht, die ich hier mit dessen Erlaubnis wiedergeben kann.

Sendung „Und wie die Alten sungen“

Kommentare

Nach oben scrollen