• Kalenderblatt: Nun bitten wir den Heilgen Geist

    Einsmals zu Frankfurt an dem Main Viel Fürsten thäten ziehen ein, Ihrer lutherischen Religion gemäß, Nach dem Stift zu St. Barthelmäs. Als dieser Schluß ward offenbar, Vom Volk ein großer Zulauf war; Da nun ein Zeichen ward geläut, Dadurch die Predigt angedeut, Siehe, da kam ein Priester dar, Der dem Papstthum anhängig war: Trat auf die Kanzel stracks hinauf. Des wundert sich des Volkes Hauf, Thät sich doch nicht besinnen lang, Sondern fing bald an den Gesang: Nun bitten wir den H. Geist Um den rechten Glauben allermeist. Da nun der Gesang vollendet was, Das Evangelium er las, Das Volk mit Fleis solchs höret an, Doch, da ers wolt erklären…

  • Kalenderblatt: Erinnerungen nicht nur an einen Sommer

    Ein Blatt aus sommerlichen Tagen, ich nahm es so im Wandern mit, auf daß es einst mir möge sagen, wie laut die Nachtigall geschlagen, wie grün der Wald, den ich durchschritt. Theodor Storm Heute, am 4. Juli, vor 122 Jahren starb Theodor Storm

  • Kalenderblatt: Der kannte die Männer und liebte Gott

    Lisette Ein junges Weib, sie hieß Lisette; Dies Weibchen lag an Blattern blind. Nun weiß man wohl, wie junge Weiber sind; Drum durft’ ihr Mann nicht von dem Bette, So gern er sie verlassen hätte; Denn laßt ein Weib schön wie Cytheren sein, Wenn sie die Blattern hat: so nimmt sie nicht mehr ein. Hier sitzt der gute Mann zu seiner größten Pein Und muß des kranken Weibes pflegen, Ihr Kissen oft zurechte legen Und oft durch ein Gebet um ihre Bess’rung flehn; Und gleichwohl war sie nicht mehr schön. Ich hätt’ ihn mögen beten sehn. Der arme Mann! Ich weiß ihm nicht zu raten: Vielleicht besinnt er sich und…

  • Kalenderblatt: es gibt ein Leben vor dem Tod

    Einige leben vor ihrem Tode, andere nach ihrem Tode. Die meisten Menschen leben aber weder vor noch nach demselben; sie lassen sich gemächlich in die Welt herein und aus der Welt hinaus vegetieren. Gottfried Seume starb heute, am 13. Juni, vor 200 Jahren.

  • Kalenderblatt: Kein Kaltes Herz. Luise Büchner

    Schwarzes Eisen, kalt und spröde, Schelten möchte ich dich nicht, Weil es dir an Lebenswärme Und an Biegsamkeit gebricht. Bist du doch in Feuersgluten Zischend einst emporgewallt, Eh du unter Hammerschlägen Musstest werden starr und kalt. Und, so sollt auch ihr nicht schelten, Wenn ihr seht ein kaltes Herz, Sollt ihm heißes Mitleid zollen, Weil es gleicht dem toten Erz. Wisst ihr denn, ob es nicht glühend, Zischend einst emporgewallt, Bis es unter Schicksalsschlägen Ward wie Eisen starr und kalt? “Duldung” von Luise Büchner Heute, am 12. Juni, vor 189 Jahren wurde Luise Büchner in meiner Heimatstadt Darmstadt geboren. Luise Büchner war eine Kämpferin für das Recht der Frau auf…

  • Kalenderblatt: Es will mer net in de Kopp enei

    Es gibt Dinge, die sollte es eigentlich nicht geben. Dazu gehören: ein Mädchen ohne Schatz ein Pfäffchen ohne Glatz ein Zipfel ohne Wurst ein Schütze ohne Durst Auf Frankfurterisch gesagt: E Mädche ohne Schatze Päffche ohne Glatze Zippel ohne Worschtun Schitze ohne Dorscht –no, daß merr so was kannfu Dweiwel, was e Schann Nein, dass man so was kann – Pfui Teufel, was für eine Schande. Heute, am 10. Juni, vor 168 Jahren wurde der Frankfurter Nationaldichter Friedrich Stoltze geboren. Es is kaa Stadt uff de weite Welt,die so merr wie mei Frankfurt gefällt,un es will mer net in mein Kopp enei;wie kann nor en Mensch net von Frankfurt sei!…

  • Kalenderblatt: Über Tagespläne, Mahlzeiten und Zeiten

    Als ob der mich kennen würde, schrieb er über meine Arbeitsmoral: gestern machte ich mir einen tagesplan für heute heute stehe ich auf und schaue lange nicht darauf es steht darauf was noch nicht getan ist und noch heute soll das alles getan werden und wer soll es sein der das tut diese frage ist nicht gut und die antwort darauf auch nicht Heute, am 9. Juni, vor 10 Jahren starb Ernst Jandl. Hören Sie selbst, was er zu den heutigen Zeiten meinte: und zu meiner letzten Mahlzeit: Ein Künstler der Sprache.

  • Kalenderblatt: ein armer Großstadtspatz

    Anstat der üblichen Statistik Gönnt der Autorin etwas Mystik! Die ganz privaten Lebensdaten Wird euch ihr Grabstein einst verraten. Doch mögt ihr, wollt ihr sie beschenken, Am siebten Juni an sie denken. Das will ich hiermit tun. Wohl meine liebste Dichterin. Voll Melancholie und voll Heiterkeit ihre Gedichte. Heute, am 7. Juni, vor 103 Jahren wurde Mascha Kaléko in Chrzanów in Polen geboren, mit 7 kommt sie nach Frankfurt, mit 9 nach Marburg, mit 11 nach Berlin. Mit 31 muss sie nach New York emigrieren. 1955, mit 48 Jahren, reist sie zum ersten Mal wieder nach Europa. 1936 wird ihr Sohn Steven geboren. Ihm schrieb sie das folgende Gedicht: An…

  • Lachen und Weinen

    Lachen und Weinen zu jeglicher Stunde Ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde. Morgens lacht ich vor Lust, Und warum ich nun weine Bei des Abends Scheine, Ist mir selb’ nicht bewußt. Weinen und Lachen zu jeglicher Stunde Ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde. Abends weint ich vor Schmerz; Und warum du erwachen Kannst am Morgen mit Lachen, Muß ich dich fragen, o Herz. Friedrich Rückert Heute, am 16. Mai, vor 222 Jahren wurde Friedrich Rückert geboren

  • Menschen getroffen

    Ich habe Menschen getroffen, die, wenn man sie nach ihrem Namen fragte, schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten, auch noch eine Benennung zu haben – “Fräulein Christian” antworteten und dann: “wie der Vorname”, sie wollten einem die Erfassung erleichtern, kein schwieriger Name wie “Popiol” oder “Babendererde” – “wie der Vorname” – bitte, belasten sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht! Ich habe Menschen getroffen, die mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren, am Küchenherde lernten, hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen – und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa, die reine Stirn der Engel trugen. Ich habe mich oft gefragt und…