• Kalenderblatt: Vor Schmutz und Schund wird gewarnt

    Nach dem Krieg kam aus Amerika zu uns eine Welle von Schwutz und Schmund herübergeschwabbt. Sogenannte “Comic Stips”, die uns Kindern das Sprachgefühl nehmen sollten. Da wurde nicht mehr in anständigen ganzen Sätzen geredet, wie Sie es hier von mir gewohnt sind, sondern nur in abgehackten Sätzen. Und Gedanken wurden nicht mehr im Konjunktiv dargestellt, sondern mittels aus dem Kopf aufsteigender Bläschen. Meine Eltern haben mir die Lektüre solcher Schmutz- und Schmandhefte natürlich untersagt. In der Kirche bekam man Comic-Striphefte gegen “gute Literatur”, das waren kleine Erzählhefte aus dem frommen Aussaat-Verlag eingetauscht. Das war eine ganz gute Alternative, wenn das Heft ausgelesen war und sich kein Tauschpartner finden ließ. Heute,…

  • Zur Erinnerung an deinen Sohn

    Ob sich meine Mutter wohl noch an mich erinnert? Diesen Eintrag schrieb ich ihr in ihr Poesiealbum, das ich irgendwo fand. 1958 war ich in der ersten Klasse. Tiefen Einblick in unsere Familienverhältnisse gibt auch der Eintrag meines 2 1/2 Jahre jüngeren Bruders: “Wenn dir dein Bruder weh getan, sei wieder gut und denk nicht dran! Sprich freundlich: “Komm, ‘s ist nun vorbei!” und tröst ihn, daß er freundlich sei.”

  • Geschichte meines Lesens II

    Was Loco_just_Loco über seine Lesensgeschichte erzählt hat, ließ mich manchmal laut auflachen, weil ich mich sehr darin wiederfand. Manches hatte ich bei meiner Geschichte vergessen, manches nur angedeutet. Nur angedeutet habe ich das “Alles Lesen”. Ja, lieber Loco, ich habe auch alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung. Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: “Camelia schenkt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen”. Ich wusste zwar nicht, wer diese Camelia ist, aber das hing bei Herrn Stenger im Schaufenster der Drogerie gegenüber.…

  • Kleine Geschichte meines Lesens

    Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Sobald ich lesen konnte und das ging schnell. Onkel Werner hat sein Leben lang jedem erzählt: “Der konnte als Kind die Zeitung von hinten lesen”, damit meinte er, dass ich sogar von gegenüber mitlas, wenn er am Küchentisch seine Bildzeitung las, die ich ihm morgens bei Ketters Pat für 10 Pfennig holte. Ich habe wirklich alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung. Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: “Camelia…

  • Wer war’s – wie geschah’s

    Heute gibt es im Fernsehen einen Rückblick auf 50 Jahre “Das Erste”, also ARD. Früher habe ich nur “Das Erste” gesehen. Da gabs nichts anderes. Und noch früher habe ich nur “Das Erste” gehört. Da hatten wir noch keinen Fernseher. Wenn meine Eltern dann abends zu Geiers Fernsehgucken gegangen sind, konnte ich Radio hören. An einem Riesengerät mit einer Skala. Beromünster, Hilversum und wie diese wichtigen Sendeorte alle hießen. Drehte man am Knopf, kam durch den “Äther”, wie man das damals nannte, ein Knattern und Rauschen es, bis man schließlich einen Sender hörte. Der “Äther” war aber nicht etwa das Gerät, sondern so nannte man diese merkwürdigen Luftschichten, durch die…

  • Uffm Hoinerfest gewese…

    Für jeden echten Darmstädter ist das ein Muss, auch wenn man über 30 Jahre weg ist: “Mer mache uffs Hoinerfest”. Im letzten Jahr haben wir es aus hier nicht näher zu erörtenden Gründen nicht geschafft, deshalb konnte mich dieses Jahr nichts abhalten und lieb wie sie ist, ist meine Liebste auch wieder mitgegangen und meien Geschwister sind auch gekommen. Am Freitagabend waren nur die auf dem Heinerfest, die gar nichts abschrecken kann. Strömender Regen hätte einem schon die Lust austreiben können. Aber was solls. Sind wir halt erst mal zu einem der ältesten Italiener gegangen, schön was gegessen und getrunken, in der Vergangenheit geschwelgt, versucht, uns zu erinnern, wer wohl…

  • Ausgestorbener Beruf: Geldbriefträger

    Heute klingelte es an der Tür: ein Paketbote. Für meine Liebste nahm ich das Päckchen in Empfang. Sie kam die Treppe herunter und fragte: “Wer war denn das?” Ich: “Der Geldbriefträger” Das war die Standardantwort meiner Eltern, wenn wir Kinder fragten: “Wer war denn das?” – “Der Geldbriefträger”. Geldbriefträger war die A-Klasse unter den Briefträgern (die in meiner Kindheit übrigens noch zweimal täglich kamen). Sie hatten eine dicke Geldtasche umhängen und brachten einem Geld, das irgendjemand “bar” angewiesen hatte. Man brauchte ja nicht unbedingt ein Bankkonto. Den Lohn oder das Gehalt gabs mit einem Lohnstreifen zusammen, einem meterlangen 1 1/2 cm breiten Papierstreifen, auf dem der Lohn ausgerechnet war, in…

  • Verbrecherkinder

    Viel schlimmer ist in meiner Seele aber die Erinnerung an jene Untat eingebrannt, die mir ebenfalls bei dieser Zeitungsnotiz einfiel, über die ich gerade geschrieben habe. Den Blog sollten Sie zuerst lesen sollten. Nicht nur, dass ich auch ein eingesperrtes Kind war, ich habe auch einen Erpresserbrief geschrieben. Zu dieser vernichtenden Wahrheit zu stehen, fällt mir noch heute schwer. Wie dieser arme Junge hatte ich gerade Schreiben gelernt. Wie immer spielten wir im Hof. Aber diesmal hat Ingrid nicht mitgespielt. Ich weiß nicht mehr warum, jedenfalls hat uns das geärgert. Weil dann unsere Bande, die “Schwarze Hand” nicht vollständig war. Also haben Klausi, Reinhold und ich einen teuflischen Plan ausgeheckt.…

  • Aus tiefer Not schrei ich zu dir

    Wer kennt schon die tiefe Not eines kleinen Jungen? Ehrlich gesagt: ich kenne sie! Zum einen, weil in mir selbst immer noch ein kleiner Junge steckt (jetzt lachen Sie nicht los, ich meine das rein bildlich, nicht in Anspielung auf meine Körpergröße), zum anderen, weil ich ein fotografisches Gedächtnis hunderter Szenen aus meiner Kindheit habe. Als ich heute morgen in der Frankfurter Rundschau von der tiefen Not eines kleinen Leidensgenossen las, sind zwei Erinnerungen aus der Tiefe meiner armen Kinderseele in mir hochgestiegen. Was muss in diesem armen kleinen Jungen vorgegangen sein? Eingesperrt und zum Aufräumen verurteilt von einer brutalen Mutter. Wahrscheinlich hatte sie ihm selbst noch geraten, falls er…

  • Onkel Paul. Noch mehr Frisörgeschichten.

    Onkel Paul war kein ganz richtiger Onkel, jedenfalls nicht von mir. Aber irgendwie gehörte er zum weiten Kreis der Verwandtschaft. Onkel Paul kam auf dem Moped aus der Kreisstadt angefahren mit einem kleinen Köfferchen, in dem er alles Nötige mitbrachte. Sie wissen schon: als Stadtkind habe ich jedes Jahr einige Wochen auf dem Land bei meiner Oma verbracht, einmal bin ich dort auch in die Schule gegangen. Ich kann Ihnen sagen: Stadt und Land sind zwei Paar Schuhe. Im Dorf meiner Oma gab es zwar auch einen Frisörladen, aber da gingen die Frauen nur hin, wenn sie eine Dauerwelle brauchte. Denn normale “Wasserwellen” (gibt es die eigentlich heute noch, meine…