Die Liebste wollte dort unbedingt einmal hin, also verbrachten wir zwei Wochen am Darß. Wer nicht weiß, wo das liegt: so ziemlich in der nordöstlichsten Ecke Deutschlands, kurz vor Stralsund und Rügen.

Es war in all den Jahren das erste Mal, dass wir „nur“ in Deutschland Urlaub gemacht haben – zum Glück, wie sich herausstellen sollte. Und um es vorwegzunehmen, es war viel schöner als erwartet. Zumindest in der ersten Woche.
Wieck auf dem Darß
Wir wohnen in einer wunderschönen Wohnung direkt am Bodden.


Nein, leider wohnen wir nicht in der großen Wohnung oben, sondern in der kleinen unten. Oben wohnen die freundlichen Vermieter. Aber vom Esstisch aus sehen wir durch den schönen Garten zum Bodden.
Wieck ist von den Dörfern, die zu Fischland-Darß gehören, vielleicht das geruhsamste. Deshalb fühlen wir uns hier auch wohl. Denn auch Anfang September herrscht in den anderen Orten noch ganz schöner Tourismus. Einen Supermarkt gibt es hier nicht, nur einen Bäcker, einen Fischladen und ein klitzekleines kioskartiges Lädchen. Aber ein paar schöne Lokale zum Essengehen, ein Café und einen kleinen Hafen.
Außerdem gibt es die „Wiecker Arche“. Das Nationalparkzentrum bietet auf über 500 m² Ausstellungsfläche interessante Informationen über den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft.
Der Begriff Bodden kommt von Boden oder Grund. Die Boddengewässer sind von der Ostsee abgetrennte Küstengewässer. Sie sind schwach salzig und dienen vielen Tieren als Rückzugsort.
Hierhin führt unser Spaziergang am nächsten Morgen bei strahlendem Sonnenschein. Weil Samstag ist, ist Wochenmarkt und so erleben wir gleich am ersten Tag, was Wieck so alles zu bieten hat. Natürlich sehen wir uns die Arche an und dann sitzen wir in der Sonne und genießen Wiecker Kultur.

Gleich nebenan gibt es einen Fahrradverleih und zu unserem Glück haben sie E-Bikes da, gerade neu gekauft und wir sind die ersten Nutzer, die wir dann erst einmal für eine Woche mieten und dann eine Woche Spaß damit haben..
Sogar einen kleinen Hafen gibt es hier. Schiffe legen hier aber keine an, nur ein paar Boote warten auf Ihre Skipper.

In der Umgebung gibt es wunderschöne Radwege. Ab und zu gibt es Aussichtsstellen, von denen aus man zum Beispiel Wasserbüffel sehen kann.

Strände
Nachmittags fahren wir dann gleich mit unseren brandneuen Rädern an die Ostsee. Der nächstgelegene Strand ist bei Prerow.
Tatsächlich kann sogar ich als Warmwasserduscher hier schwimmen, die Temperaturen sind sehr erträglich.

Der Darßer Urwald
Ein noch schönerer Weg führt uns durch den Darßer Urwald an den Weststrand.

Im Hintergrund kann man den wilden Baumwuchs des Darßer Urwalds erahnen.
Der Darßer Wald ist mit seiner 5800 Hektar großen Fläche ein Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft und man kann ihn nur zu Fuß oder mit dem Rad betreten. Auf diesem Bild aus einer Infotafel kann man gut erkennen, wie er entstanden ist und weiter entsteht.

Durch Westwind und Wellen wird der Weststrand immer weiter abgetragen und an der Nordspitze des Darßes angetragen. Der Rückgang im Westen beträgt jährlich 60 cm bis 2,40 m. In den letzten 300 Jahren ist so der Darß mit seinem Wald um ca. 2.000 Meter Richtung Norden gewachsen. Es entstehen Sandablagerungen, erhöhte Wälle, die Reffen genannt werden. Dazwischen liegen aus ehemaligen Strandseen gebildete feuchte Senken, die Riegen genannt werden. Die ältesten liegen also im Süden.

Die hohen Farne und der üppige und wilde Baumbestand geben dem Küstenwald ein urwaldähnliches Aussehen.
Prerow
Nach Prerow fahren wir dann auch am Sonntag in den Gottesdienst zur Seemannskirche in Prerow, diesmal mit dem Auto. Schließlich will man ja nicht verschwitzt im Gottesdienst sitzen und im Anschluss wollen wir, wie sich’s sonntags gehört, fein essen gehen.

Pfarrer Ulrich Kasparick
Wir erleben einen tollen Gottesdienst. Die Predigt ist ausgesprochen gut, der Pfarrer spricht völlig frei. Am Schluss dann die Überraschung: die Urlaubsvertretung für die Prerower Pfarrerin ist Ulrich Kasparick. Ich kenne ihn aus meinen Social Media Kontakten und recherchiere noch einmal: Kasparick, heute 68 Jahre alt, war Mitglied der Ost-SPD, von 1989 bis 2009 war er im Bundestag und von 2004 bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär. 2009 trat er nicht mehr zur Wahl an, wurde schwer krank und schrieb darüber ein Buch „Notbremse – Ein Politjunkie entdeckt die Stille“. Bis 2017 war er dann wieder Gemeindepfarrer und seitdem beschäftigt er sich intensiv mit der Erforschung der Zeit von 1933 bis 1945 auf dem Darß.
Seemannskirche
Die Seemannskirche in Prerow ist die älteste Kirche in Fischland-Darß. Sie wurde von 1726 bis 1728 zunächst als Fachwerkkirche gebaut. Der Holzturm stammt aus 1727.

Ab 1740 wurde der Fachwerkbau durch den Backsteinbau ersetzt. Der barocke Kanzelalter stammt jedoch auch schon aus 1728. Die Taufkapelle von 1740.



Am Bodden entlang nach Ahrenshoop
Am Montag machen wir eine längere Radtour, die uns zum ersten Mal entlang des Boddens führen soll. Das Ziel ist Ahrenshoop, das Künstlerdorf und vielleicht der bekannteste Ort auf Fischland-Darß.
Die ganze Schönheit des Boddens kann man eigentlich nur von diesen Rad- und Fußwegen aus sehen und beeindruckt mich sehr.
Der Weg führt uns zunächst entlang des Bodstetter Boddens bis zu dem ganz idyllisch anmutenden Ort Born auf dem Darß. Kurz dahinter müssen wir erst (erlaubterweise) einen Campingplatz durchqueren, bis wir schließlich zum Saaler Bodden kommen.

Der Weg führt über einen Schutzdeich, auf dem wir Halt machen. Der Deich trennt den Bodden vom Werrepolder. Die Werre war ursprünglich eine flache Seitenbucht des Saaler Boddens, die 1969 trockengelegt wurde, um sie als Grünland nutzen zu können. Nun wurde die Bucht wieder renaturisiert und 2020 geflutet.

Ahrenshoop
Seit 1889 der Oldenburger Maler Paul Müller-Kaempff und sein Kollege Oskar Frenzel das Dorf bei einem Ausflug entdeckten, wurde es zum Ziel von Generationen von Künstlerinnen und Künstlern, die sich dort dauerhaft in den Ferien niederließen. Noch heute ist Ahrenshoop ein Kunstzentrum mit „mehr Kunst als Einwohner“.
Die Zeit reicht bei unserem ersten Besuch in Ahrenshoop für einen Spaziergang durch den Ort zu den Hohen Dünen, dem Kunstmuseum und der Mühle.

Das Hohe Ufer geht – wie ich oben beschrieben habe, sehr zurück. Bis heute gibt es noch keinen wirksamen Schutz. Auf der Seite der Interessengemeinschaft Hohes Ufer wird das eindrücklich dargestellt.

Das Kunstmuseum ist unbedingt einen Besuch wert. Es bietet über 1000 Werke zur Kunst an der Ostsee.

Die Ahrenshooper Mühle ist heute ein sehr schönes Café mit einem großen Garten, gutem Kuchen und schöner Aussicht. Bei dem schönen Wetter ein Genuß.
Zingst
Als Fotofreund ist mir natürlich Zingst ein Begriff. Leider war ich noch nie bei dem bekannten Zingster Fotofestival, das alljährlich im Juni hier stattfindet. Das Max-Hünten-Haus bietet aber das ganze Jahr über wunderbare Fotoausstellungen und vieles, was das Fotografenherz höher schlagen lässt.

Auch am Strand findet man Reminiszenzen an die Fototage.


Stralsund
Stralsund ist nur etwa 50 km entfernt, aber wir fahren gefühlte zwei Stunden dorthin, so viel Verkehr herrscht. Aber die Fahrt lohnt sich auf jeden Fall. Die ehrwürdige Hansestadt ist zusammen mit Wismar Weltkulturerbe.
Wir machen eine kleine Stadtführung mit, die am Marktplatz beginnt. Hier ist gerade der jährlich große Kunsthandwerkermarkt, deshalb kann man die ganze Schönheit des Platzes nicht gut sehen.

Die Fassade des Rathauses zum Altem Markt hin ist eine Schaufassade. Sie gibt dem Gebäude den repräsentativen Charakter, aber dahinter ist im oberen Teil nichts außer Luft.

Durch das Erdgeschoss führen von Ost nach West und vom Nord nach Süd Durchgänge. Hier befand sich früher das kophus mit kleinen Läden. Darüber ist noch heute der Sitzungssaal, der Löwensche Saal.

Stralsund gehörte vom 1648 bis 1815 mit kurzer Unterbrechung zum Königreich Schweden. Das vom Schwedischen König verliehene Schwedische Wappen war bis 1938 Wappen der Stadt.
Hinter dem Rathaus befindet sich die St. Nikolaus-Kirche. Durch die Ost-West-Arkade gelangt man zu wohl imposanten Westeingang, der allerdings verhüllt ist und nur einen Blick auf den Giebel des Portals freigibt. In der Spitze des Portals ist eine Skulptur, die den Hl. Nikolaus von Smyrna darstellt.
Der hebräische Gottesname wurde nach der Pogromnacht im Dritten Reich entfernt und wurde erst 2007 wieder ersetzt. Die Inschrift darunter lautet Hie ist nichts anders den Gottes Haus und hie ist die Pforte des Himmels (Gen. 28.17)

Durch eine Seitenstraße gehen wir zum Johanniskloster, einem 1254 von den Franziskaner gegründeten Kloster. Ein Spaziergang hierher lohnt sich auch wegen der idyllischen Lage am Rande der Altstadt und den umgebenden kleinen Häuschen.


Vor dem Kloster erinnert eine Stele an die Pogrome 1938 und die fast vollständige Vernichtung der jüdischen Gemeinde. Sie trägt die hebräische Inschrift Ich gebe ihnen in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen: Einen ewigen Namen der nicht ausgetilgt wird. Jesaja 56,5. Die Stele wurde zum 50. Jahrestag der Pogrome eingeweiht und stand ursprünglich an anderer Stelle, wo sie mit faschistischen Parolen verschmiert wurde. Eine Reinigung war wegen des Sandsteins nicht möglich. Die Stele wurde dann an hierher umgesetzt.

Typisch für Stralsund und andere Hansestädte sind die Giebelhäuser aus Backstein. Sie dienten als Speicherhäuser, sollten aber auch den Reichtum und die Macht ihrer Besitzer darstellen. Das Scheelehaus in der Fährstraße bildet zusammen mit dem Nachbarhaus eine Einheit. Man sieht hier gleich zwei Giebelformen: den abgestuften Schweifgiebel des Scheelehauses und den Stufengiebel des Nachbarhauses. Seinen Namen erhielt das Haus nach dem hier geborenen Carl Wilhelm Scheele. Der Chemiker entdeckte unter anderem Sauerstoff und Stickstoff.

Wir gehen noch ein Stück Richtung Hafen. Unterwegs bewundern wir eine barbusige Meerjungfrau und die älteste Hafenkneipe Europas.


Vor dem Ozaneum liegt als Museumsschiff die Gorch Fock I, die 1933 gebaut wurde.

Wir kehren zum Mittagessen in eine der Gaststätten am Hafen ein und machen uns dann auf den Rückweg, weil wir noch einmal in der kommenden Woche nach Stralsund wollen…
Auf Kranichfahrt

Mitte September beginnt die Kranichsaison in Fischland. Dann sind bis zu 70.000 Kraniche unterwegs nach Süden und machen Rast am südlichen Boddenrand. In den Abendstunden kann man sie beim Einflug beobachten. Es gibt rund um den Bodden verschiedene Aussichtsplätze, von denen man dieses Naturwunder bestaunen kann. Wir entscheiden uns für die Fahrt mit einem Schiff von Prerow aus und bereuen das nicht.
Der sachkundige Kapitän gibt schon auf der Fahrt viele Erläuterungen und zeigt, was es rechts und links des Prerower Stroms zu sehen gibt. Der Prerower Strom sieht aus wie ein Fluss, ist aber keiner. Er ist eine ehemalige Strömungsrinne (Seegatt). Ursprünglich floss in dieser Rinne Meerwasser quer durch die Halbinsel bis zum Bodstetter Bodden. 1872 kam es zum bisher schwersten Sturmhochwasser, von dem weite Küstenlandschaften von Dänemark bis Pommern stark betroffen waren. Dabei war der Wasserstand zum Teil 3,3 m über NN. Dabei kamen 271 Menschen ums Leben. In seiner Folge versandete der Teil des Stromes nördlich von Prerow und wurde dann zugeschüttet.

Wir fahren von Prerow den Strom entlang bis vor die Meinigenbrücke, wo wir am Schilfulfer ankern und auf die Kraniche warten.



Wir müssen eine ganze Zeit warten. Weil der Kapitän aber davon ausgeht, dass wir noch Kraniche zu sehen bekommen, überzieht er die Zeit, bis sich endlich etwas tut.

Hier kommen wir auch noch an einem Rastplatz vorbei.

Eine ereignisreiche Woche…
liegt hinter uns und wir freuen uns auf die zweite Woche, in der wir einiges nachholen wollen, was noch zu kurz gekommen ist. Leider sollte es dazu nicht kommen. Am nächsten Tag ist die Liebste schwer erkrankt. Wir verbringen zwar noch eine Woche am Darß, kommen aber praktisch nicht mehr aus dem Haus. Glück im Unglück: das tolle Wetter ist vorbei und in der zweiten Woche regnet es fast ununterbrochen.
Nun werden wir in diesem Jahr (2026) noch einmal dorthin fahren und ich verspreche ein Update zu diesem Artikel.