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In Mlalo, der ehemaligen Missionstation

Nachdem Felsbrocken dem Bus den Weg versperrt hatten, ging es noch ein paar Kilometer zu Fuß durch den Urwald.

Es war wohl der gleiche Weg, auf dem sich im Frühjahr 1891 die beiden Missionare mit ihren Trägern nach Mlalo durchgekämpft hatten.

Usambara 1889 B002
Diese Karte der Meyerschen Expedition von 1898 haben die Reisenden wohl benutzt.

Neugierige Blicke empfangen uns im Dorf, genauso neugierig sind wir natürlich auch.

Das Dorf Mlalo gab es schon lange, bevor hier 1890 eine Missionstation gegründet wurde. Diese Station hat das Leben des Ortes nachhaltig verändert.


Im alten Pfarrhaus treffen wir auf Frieda Wohlrab und Agnes Rösler, die uns schon erwarten. Frieda ist 80, Agnes 72. Frieda eine fromme Christin, Agnes bezeichnet sich als Kommunistin.

Frieda Wohlrab (rechts) und Agnes Rösler
Frieda Wohlrab (rechts) und Agnes Rösler

Beide sind 1974 in die Wirkungsstätte ihrer Väter zurückgekehrt. Die Sehnsucht nach den „Urwäldern unserer Kindheit“ (Filmtitel von Peter Heller) hat sie hierher getrieben.

Als sie hier sahen, wie die „Urwälder der Kindheit “ erodieren, beschlossen sie zu handeln. Unter dem Motto


Kata mti – panda miti

„Schlage einen Baum –
pflanze viele Bäume“

begannen sie mit einer Pflanzaktion, zunächst nur mit einigen Freunden, später kamen Freiwillige nach Mlalo, zum Beispiel aus einem Unterstützerkreis in Bielefeld.

Wir kommen nicht mit leeren Händen. Ich war gerade ordiniert worden und meine erste Gemeinde hatte zur Ordination und zu einem der Weihnachtsfeiertage die Kollekte dem Projekt gewidmet. Der Kirchenvorstand hatte noch etwas draufgelegt uns so konnte ich irgendwie 2.000 DM in die Usambaraberge überweisen. Ich erinnere mich noch, dass das nicht einfach war, aber nicht mehr, welche Umwege man gehen musste,

Frieda Wohlrab und eine Dorfbewohnerin in der Baumschule
Frieda Wohlrab und eine Dorfbewohnerin in der Baumschule
In der Baunschule
In der Baunschule

„Mgeni siku mbili; siku ya tatu mpe jembe“ – Tansanisches Sprichwort, auf Deutsch „Deinen Gast behandle zwei Tage als Gast, am dritten Tag gib ihm eine Hacke!“

Hannelore mit Lennart

Natürlich kochen die beiden auch für uns. Zum ersten Mal im Leben esse ich ein Gericht mit Grünen Bananen und viele andere einfache und köstliche Gerichte. Zubereitet natürlich auf dem holzbefeuerten Ofen. Wie auch sonst? Elektrizität gibt es nicht.

Das Holz tragen die Frauen wie alles in großen Körben auf dem Kopf, manchmal balancieren sie mehrere Körbe.

Abends sitzen wir mit Frieda und Agnes an der Petroleumlampe zusammen im Wohnzimmer. Die beiden erzählen und wir haben viele Fragen.

Sie interessieren sich auch sehr für das Geschehen in Deutschland. Der „Deutsche Herbst“, die Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss, die Berufsverbote. Und vor allem auch: direkt vor unserer Abreise waren an Weihnachten die UDSSR in Afghanistan einmarschiert.

Vor allem Agnes war politisch sehr interessiert und auch engagiert. Sie gehörte zu den Protaganistinnen der frühen Friedensbewegung nach dem zweiten Weltkrieg. Manchmal amüsierte mich etwas, wenn sie wieder einmal erzählte: „Dann hab ich aber dem Willy Brandt gleich geschrieben…“


Natürlich haben wir viele, viele Menschen getroffen. Auch im immer überfüllten Gottesdienst, aber nicht nur da.

1906
Kirche Mlalo 1980
Kirche Mlalo 1980
Kirche Mlalo 1980
Kirche Mlalo 1980
Unterwegs zum Gottesdienst
Unterwegs zum Gottesdienst
Kommt ohne Instrumente nit
Kommt ohne Instrumente nit

Die hier auf dem Dorfplatz vor der Kirche wartenden Frauen tragen das traditionelle tansanische Kleidungsstück, die Kanga. Das ist ein bunt beducktes Tuch, ca 1 x 1,50 m groß, Sie kann als Rock oder Kleid oder auch zum Tragen des Kindes verwendet werden.

Frieda erzählt uns, dass viele Familien zu arm sind, um mehre Tangas zu haben, deshalb kann von ihnen manchmal nur eine Frau kommen oder sie gehen zwischendurch nach Hause und eine andere kommt.

Die Albinofrau lebt hier im Schutz der Gemeinde. Albinos sind in Tansania traditionell sehr gefährdet. Einmal, weil die fehlende Hautpigmentierung die Haut und schutzlos der gefährlichen UV-Strahlung aussetzt. Albinismus ist auch mit einer Sehstörung verbunden.

Zum anderen aber, viel schlimmer: Albinos werden ausgegrenzt und diskriminiert. Bei unserem Besuch haben wir nur davon erzählt bekommen, aber nicht selbst miterlebt. Ab 2005 – also 25 Jahre nach unserem Besuch – hat in Tansania die Verfolgung von Albinos schlagartig zugenommen, weil sich der Aberglaube verbereitete, aus ihren Körperteilen könnten Mittel hergestellt werde, die Reichtum und Glück fördern. Zahlreiche Morde waren die Folge.

Als Pfarrer aus Deutschland muss ich natürlich auch beim Gottesdienst mitwirken. Es ist schon seltsam, hier in einer ganz anderen Sprache alte Kirchenlieder zu hören. Ich darf die Menschen am Ende des Gottesdienstes segnen und tue das voll Inbrunst.

Ein kleiner Blick in die Geschichte

Im Frühjahr 1891 machten sich die beiden Missionare Pastor Ernst Johannsen und Pastor Paul Wohlrab im Auftrag von Friedrich Bodelschwingh und der Bethel-Mission auf den beschwerlichen Weg in die Usambara Berge.

Nach einigen Tagen beschwerlicher Wanderung durch eine eindrucksvolle Landschaft erreichten sie den Ort Mlalo. Gespräche mit Häuptling Sikinyassi, dem Oberhaupt des Volkes der Schambala, verliefen erfolgreich und die Missionare erhielten die Erlaubnis, sich einen Platz für die Niederlassung auszusuchen.
„Überall weithin sichtbar, eignete sich der Platz ganz besonders zu einem Ort, von dem ein Gotteshaus alle zum Besuch einlädt“, beschrieb Johansen später die Lage der künftigen Missionsstation ‚Hohenfriedeberg‘.
Nachdem sie mit benötigten Baumaterialien aus Tonga zurückgekehrt waren, reinigten sie diesen Platz und begannen, aus Baumstämmen, Bambus und Lehm nach der Art der Eingeborenen ihr erstes Haus zu bauen

Regine Buschmann: „Friedrich von Bodelschwinghs Konzept der ‚Diakoniemission‘ in: „Being in Ecumenical Discourse on Concepts of Diakonia“, Heidelberg 2004

Erst im Jahr zuvor, 1890, war das Gebiet zum sog. „Schutzgebiet“ geworden, also eine Deutsche Kolonie. 5 Jahre vorher war das Gebiet „privat“ von Carl Peters und seiner Gesellschaft für deutsche Kolonisation in einer abenteuerlichen Art kolonisiert worden. Aufstände wurden schließlich durch eine „deutsche“ Truppe von Zulu und Sudanesen blutig niedergeschlagen. Danach übernahm das Kaiserreich die „Schutzmacht“.

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Man nannte die entstehende Missionsstation Hohenfriedeberg, weil bei einem Missionsfest in dem schlesischen Ort Hohenfriedeberg ein hoher Betrag für die Mission gesammelt worden war.

Anfangs standen die dort lebenden Shambala der Mission mit großer Skepsis gegenüber. Aber 1914 zählten die afrikanischen Gemeinden über 2.000 Mitglieder.

Nachdem sie in den Usambara-Bergen Fuß gefasst hatten, machten sich die Missionare daran, ein eigenes Schulwesen aufzubauen, in dem Jungen und – vorerst in bescheidenem Umfang – auch Mädchen Lesen und Schreiben in der Landessprache lernten.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurden in den Missionsschulen etwa 3600 afrikanische Kinder unterrichtet. Seit 1902 bildeten die Missionare zudem in einer Mittelschule afrikanische Lehrer aus, 1908 wurde eine Deutsche Schule gegründet.

Krankenpflege gehörte von Anfang an zu den Arbeitsgebieten der Missionare. 1902 entstand eine kleine Kolonie für Aussätzige bei Hohenfriedeberg. Seit 1905 gab es einen missionsärztlichen Dienst in den Usambara-Bergen, seit 1927 in Bumbuli ein Missionshospital.

Heute trägt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania die Seelsorge samt Krankenpflege und Schulwesen in den ehemaligen Missionsgebieten.

Wikipedia, Missionsstation Mlalo

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Nach dem ersten Weltkrieg kam das Gebiet unter britische Herrschaft, nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeitserklärung 1961 unter UN-Mandat. 1964 vereinigten sich Tanganjika und Sansibar zur „Vereinigten Republik Tansania“.

Der erste Staatschef war Julius Nyerere. Sein Ziel war der Aufbau eines spezifisch afrikanischen Sozialismus , der sich von den autoritären Sozialismusmodellen des Ostblocks unterscheiden sollte. Vorbild für die sozialistische Umgestaltung Tansanias sollte stattdessen die „Ujamaa“, die Dorfgemeinschaft als Produktions- und Verteilungskollektiv, sein.

Nyerere war ein charismatischer und sympathischer Staatschef, dem international viel Sympathie entgegengebracht wurde, und der in Tansania sehr geehrt wurde. Er war auch noch im Amt, als wir 1980 nach Tansania kamen.

1000 tz shillings front

1990 ist Nyerere zurückgetreten. Er gestand ein, dass Teile seines Projektes gescheitert seien. Zu den bis heute bleibenden Erfolgen gehören aber das entstandene nationale Zusammengehörigkeitsgefühl, eine über Jahrzehnte stabile politische Organisation und ein Bildunsgwesen auf hohem Standard – alles für afrikanische Staaten alles andere als selbstverständlich.

1999 ist Nyerere gestorben, zehn Jahre später erhielt er von den Vereinten Nationen posthum die Auszeichnung „World Hero of Social Justice“

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Tansania

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