Nord- und Ostsee: Amrum

Ich bin dabei, meine Reiseberichte ein wenig aufzuarbeiten. Es gab leider Zeiten, in denen ich da ein bisschen nachlässiger war.

Als ich jetzt einen Beitrag über Pellworm geschrieben habe, merkte ich, dass es zu Amrum bisher keinen richtigen Post war. Da waren wir immerhin schon zweimal gewesen.

Voila.

Wie alles anfing

Es war 2015, Anfang März schrieb ein Pfarrer auf Facebook, er habe über Ostern an 5 Tagen Gottesdienst. Ob nicht jemand Lust habe, am Ostersonntag den Gottesdienst zu halten.

Wenn er nicht Pfarrer auf Amrum gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht weggeduckt. Aber Amrum? Da war ich noch nie. Und da die Liebste auch sofort Feuer und Flamme war, habe ich “Hier” gerufen. Haben uns schnell mal auf Amrum eingebucht und am 2. April, Gründonnerstag, sind wir mal eben nach Amrum gedüst.

Nein, ich kannte Georg Hildebrandt nicht. Aber ich lernte einen sympathischen Kollegen kennen und tollen Pfarrer kennen.

Dafür also liebe ich die Social Networks: man kennt einen noch gar nicht persönlich – man bekommt einen Draht zueinander – man hilft sich. Man tauscht sich aus.

“Ich beneide Dich”, ein Freund. “Ich möchte das auch mal – seit Jahren bin ich da über Silvester immer”. Ein anderer “St. Clemens, nicht wahr? Letztes Jahr war ich da” – und schickte gleich Bilder. “Woher kennst Du Georg eigentlich”, fragte wieder ein anderer, den ich nur auf Twitter kenne. Aber da eben gut.
“Er ist ein begnadeter Prediger”. “Stimmt”, konnte ich antworten.

“Wo kann ich bei Husum schön essen?”, fragte ich auf der Hinfahrt meine Twitter-Freunde per “Follower-Power”. Im “Roten Haubarg” kam die Antwort. “Oh, ich liebe ihn”, twitterte ein Kollege. Bei dem wiederum hatten wir neulich den Gottesdienst besucht, weil ich seine Tweets so gut finde. “Mein Doktovater kommta aus Witzwort.”. Da steht der Rote Haubarg.

Das sind doch wirklich Soziale Netzwerke. Deshalb liebe ich sie.

+++

OK, gedüst sind wir nicht gerade, sondern für meine Verhältnisse schön langsam gefahren. Selten mal schneller als 130. Es war nämlich dichtes Schneetreiben unterwegs. Aber ab dem nächsten Morgen eitel Sonnenschein. In unseren Herzen sowieso, aber auch wirklich auf der Insel.

Unerwartet problemlos waren wir dann aber doch schon mittags in Nordfriesland.

“Weiß jemand, wo man zwischen Husum und Dagebüll schön essen kann?”, fragte ich auf Twitter. Und wenig später kam schon eine Antwort.

Rat aus dem Internet
Roter Haubarg
Roter Haubarg

Der “Rote Haubarg” – ich erinnerte mich, dass wir da schon mal waren, zum Angucken und zum Kaffeetrinken im Garten. Die Liebste glaubte es erst, als sie das Haus sah.    

Essen im Roten Haubarg
Essen im Roten Haubarg
Osterschmuck

Das Essen war wunderbar. Also, wenn Sie mal nach Nordfriesland kommen…

Zeigt ja auch die Zustimmung aus dem Internet…

Zustimmung aus dem Internet

Um zwei waren wir in Dagebüll an der Fähre. Dass wir so locker die Fähre um 15 Uhr kriegen, hätten wir nie gedacht. Das Auto haben wir dort stehenlassen, mit der Fähre gings dann über Föhr nach Amrum und dort mit dem Bus weiter nach Nebel, wo wir 5 Tage im Hotel Friedrichs bleiben wollten.

Hotel Friedrichs

St. Clemens auf Amrum

Weil sich Anfang des 13. Jahrhunderts die Bewohner von Süddorf und Norddorf nicht einigen konnten, in welchem der beiden damals einzigen Amrumer Dörfer sie ihre Kirche bauen wollten, wurde sie in die Mitte gebaut. Um sie herum entstand das dritte Dorf, Nebel. das heißt natürlich Neues Dorf.

St. Clemens auf Amrum
St. Clemens auf Amrum

Die Kirche ist ein kleines Juwel und birgt ein paar Kunstwerke.

St. Clemens in Nebel (Amrum)
Der Turm ersetzte 1908 das Hölzerne Glockengestell
Der Turm ersetzte 1908 das Hölzerne Glockengestell
Apostelgruppe "Das himmlische Abendmahl"
Apostelgruppe “Das himmlische Abendmahl”

Die hölzerne Apostelgruppe “Das himmlische Abendmahl” wurde (angeblich) bei einer Sturmflut angeschwemmt.

Sakramentsschrank
Sakramentsschrank

Der frei stehende Sakramentschrank stammt aus dem 15. Jahrhundert, darauf gemalt ein sitzender Schmerzensmann.

Westempore mit Apostelbildern

In den Brüstungsfeldern der Empore, die Amrumer nennen sie den Männerboden, sind die Apostel dargestellt. Die Bilder stammen aus dem 17. Jahrhundert.

Flügelaltar mit Abendmahlsbild
Altarbild
Altarbild

Das Altarbild stammt ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert und zeigt in der Mitte ein Abendmahlsbild, in den Flügeln des Tryptichons die Evangelisten.

Der Taufstein, der aus der Bauzeit der Kirche im frühen 13. jahrhundert stammt, wurde erst 1936 wieder entdeckt. Davor stand er einbetoniert und dick angestrichen hinter einer Mauer. Fuß und Wulst sind aus Muschelkalk, der Rest aus Granit.

Zweimal durfte ich dann Ostergottesdienst auf Amrum halten, 2016 noch einmal. Ein unvergleichliches Erlebnis – jedes Mal in einer bis auf den letzten Platz gefüllten wunderschönen Kirche, St. Clemens in Nebel.

Die Kirche füllt sich
"Meine Kanzel"
“Meine Kanzel”

Die erzählenden Steine

Etwas ganz Besonderes ist der Friedhof um die Kirche. Eigentlich aber vor allem eine “Allee der Steine”, die in mühsamer Projektarbeit von einer Gruppe Amrumer zwischen 2009 und 2013 geschaffen wurde.

Gravestones in Amrum373

Über 180 Jahre, von 1678 bis 1858, entstanden auf Amrum (ähnlich auf Föhr) prachtvoll gestaltete Grabsteine. Sie zeigten Ornamente und Sprüche und erzählten teilweise kurzgefasst ganze Lebensgeschichten bedeutender Amrumer Familien.

Man muss dazu wissen, dass 1878 81 % der Amrumer Männer in der Seefahrt waren, viele als Walfänger vor Grönland. Sie waren den Großteil des Jahres auf Hoher See, die Familien lebten immer in Sorge um sie.

Die Grabsteine verbanden die Familien und die ganze mit ihren Toten und ihre enge Verbundenheit mit der Seefahrt. Gleichzeitig galten sie natürlich als ein Zeichen des Wohlstandes: je prunkvoller gestaltet, umso wohlhabender und angesehener war eine Familie. Aber – wie immer – manchmal trügte auch der Anschein.

Grabstein Andres Jensen Fink

Oluf Jensen besaß ein Schiff, die “Hoffnung”. Auf der Fahrt von Nantes nach Hamburg wurde es gekapert und die Mannschaft, darunter sein Sohn Harck Olufs und sein Neffe, wurde als Sklaven in Algier verkauft.

Oluf Jensen war verzweifelt und hielt überall Ausschau nach den Gefangenen. Schließlich lieh er sich viel Geld auf Föhr, um seinen Sohn freizukaufen. Durch eine Verwechslung kam dann aber nicht sein Sohn, sondern ein gleichnamiger Bremer Seemann frei.

Währenddessen war sein Sohn als Sklave des Beys von Constanrine bis zum Oberbefehlshaber der Kavallerie aufgestiegen, wurde nach 12 Jahren freigelassen und kehrte nach Amrum zurück.

Grabstein des Oluf Jensen
Grabstein des Oluf Jensen
Quelle der Lesehilfe: http://www.erzaehlende-steine.de/
Quelle der Lesehilfe: http://www.erzaehlende-steine.de/

Ein paar Bilder von Amrum

Die Südseite der Insel ist die “Wattseite”, entlang der Nordseite zieht sich ein breiter Strand.

Watt hinter der Kirche
Watt hinter der Kirche

Von Bandix Boenkens Bank aus kann man sehr schön die Vögel beobachten. Wenn man wie die Liebste, nicht gerade in die andere Richtung guckt.

Un Jesus as Rau an Freese - In Jesus ist Ruhe und Frieden
Un Jesus as Rau an Freese – In Jesus ist Ruhe und Frieden
Im Watt
Im Watt

Radelt man auf der Wattseite Richtung Süddorf, sieht man am Horizont den Leuchtturm

Auf der Strandseite kann man sich selbst im April in den Strandkorb setzen.

Wittdün ist der jüngste Ortsteil Amrums, er wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts als Badeort gegründet. Man wollte die Badegäste auf diesen Teil der Insel konzentrieren, um dem Sittenverfall vorzubeugen und die Inselkultur zu erhalten. Vorher war dort eben “Wittdün”, weiße Dünen.

In Wittdün baute man auch eine kleine Kirche für die Gäste.

Altar der Wittdüner Kapelle

Die Altarbilder sind sehr ungewöhnlich. In der Mitte ein Panorama der Südspitze Amrums mit dem Bibelvers „Ich bin das Licht des Lebens“, links ein Schiff in Seenot mit dem Vers „Rufe mich an in der Not, so will ich Dich erretten, so sollst Du mich preisen“ und rechts ein Rettungsboot und den Vers  „Niemand hat größere Liebe, denn die dass er sein Leben lasset für seine Freunde“ .

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