• Halbmast

    Der Tag, an dem Adenauer starb

    Adenauer war 91, als er starb. Seine letzten Worte richtete er an seine Tochter: “Da jitt et nix zo kriesche!” – Da gibts nix zu flenne, würde ich das übersetzen. Er war 91, als er starb. Bevor er mit 73 zum Bundeskanzler gewählt wurde, fragte er seinen Hausarzt, ob er die Aufgabe in seinem Alter noch erfüllen könne. “So zwei, drei Jahre könne er das wohl noch”, sei die Antwort gewesen, erzählte er später und fügte hinzu “Da sehen Sie, dass der Gnade unseres Herrgotts keine Grenzen gesetzt sind”. Mit seinen 91 Jahren war er immerhin noch Mitglied des Bundestages, wo er keinen Hehl daraus machte, wie wenig er von…

  • Auch ich war ein Wuermeling. Kalenderblatt

    Besser gesagt: ich hatte einen. Einen Wuermeling. Das war eine Ausweiskarte in Din A6 mit einem Passfoto auf der Vorderseite. Ausgestellt von der Deutschen Bundesbahn, wie sie damals hieß. Auf der Rückseite stand der unvergessliche Satz: “Gültig auf allen Strecken der Deutschen Bundesbahn und auf der Kleinbahn Niebüll-Dagebüll”. Natürlich wusste ich nicht, was Niebüll und Dagebüll sein sollten. Google gab es noch nicht, aber in meinem Diercke-Weltatlas habe ich sie schließlich gefunden. Voller Wiedersehensfreude konnte ich diese beiden kleinen Orte vor 5 Jahren endlich einmal von Angesicht zu Angesicht erleben. Den Wuermeling hatte ich bis zu meinem 18. Lebensjahr. Er berechtigte, zum halben Preis fahren zu dürfen. Den Wuermeling bekamen…

  • Kalenderblatt: I scream for Icecream bei Schdars’nschdreibs

      Der 4. Juli war immer einer der wunderbarsten Tage meiner späten Kindheit. Da gingen wir zu den Amis. Ende der fünfziger Jahre hatte mein Vater, der bis dahin versucht hatte, seinen Installateurbetrieb durch die Nachkriegszeit zu retten, sich endlich entschlossen, eine feste Anstellung zu suchen. Er fand sie ausgerechnet bei den Amis, eigentlich ihm eher verhasste Menschen. Aber nun arbeitete er bei “The Stars and Stripes”, der amerikanischen Soldatenzeitung, die in Darmstadt (genauer: in Griesheim bei Darmstadt) auf dünnem rosa Papier produziert wurde. Mein Vater konnte kein Englisch, das machte es nicht ganz einfach. Aber es ging wohl. Jeden Tag kam einer der roten Armeebusse zum Weißen Turm in…

  • Kalenderblatt: Vor Schmutz und Schund wird gewarnt

    Nach dem Krieg kam aus Amerika zu uns eine Welle von Schwutz und Schmund herübergeschwabbt. Sogenannte “Comic Stips”, die uns Kindern das Sprachgefühl nehmen sollten. Da wurde nicht mehr in anständigen ganzen Sätzen geredet, wie Sie es hier von mir gewohnt sind, sondern nur in abgehackten Sätzen. Und Gedanken wurden nicht mehr im Konjunktiv dargestellt, sondern mittels aus dem Kopf aufsteigender Bläschen. Meine Eltern haben mir die Lektüre solcher Schmutz- und Schmandhefte natürlich untersagt. In der Kirche bekam man Comic-Striphefte gegen “gute Literatur”, das waren kleine Erzählhefte aus dem frommen Aussaat-Verlag eingetauscht. Das war eine ganz gute Alternative, wenn das Heft ausgelesen war und sich kein Tauschpartner finden ließ. Heute,…

  • Zur Erinnerung an deinen Sohn

    Ob sich meine Mutter wohl noch an mich erinnert? Diesen Eintrag schrieb ich ihr in ihr Poesiealbum, das ich irgendwo fand. 1958 war ich in der ersten Klasse. Tiefen Einblick in unsere Familienverhältnisse gibt auch der Eintrag meines 2 1/2 Jahre jüngeren Bruders: “Wenn dir dein Bruder weh getan, sei wieder gut und denk nicht dran! Sprich freundlich: “Komm, ‘s ist nun vorbei!” und tröst ihn, daß er freundlich sei.”

  • Geschichte meines Lesens II

    Was Loco_just_Loco über seine Lesensgeschichte erzählt hat, ließ mich manchmal laut auflachen, weil ich mich sehr darin wiederfand. Manches hatte ich bei meiner Geschichte vergessen, manches nur angedeutet. Nur angedeutet habe ich das “Alles Lesen”. Ja, lieber Loco, ich habe auch alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung. Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: “Camelia schenkt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen”. Ich wusste zwar nicht, wer diese Camelia ist, aber das hing bei Herrn Stenger im Schaufenster der Drogerie gegenüber.…

  • Kleine Geschichte meines Lesens

    Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Sobald ich lesen konnte und das ging schnell. Onkel Werner hat sein Leben lang jedem erzählt: “Der konnte als Kind die Zeitung von hinten lesen”, damit meinte er, dass ich sogar von gegenüber mitlas, wenn er am Küchentisch seine Bildzeitung las, die ich ihm morgens bei Ketters Pat für 10 Pfennig holte. Ich habe wirklich alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung. Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: “Camelia…

  • Wer war’s – wie geschah’s

    Heute gibt es im Fernsehen einen Rückblick auf 50 Jahre “Das Erste”, also ARD. Früher habe ich nur “Das Erste” gesehen. Da gabs nichts anderes. Und noch früher habe ich nur “Das Erste” gehört. Da hatten wir noch keinen Fernseher. Wenn meine Eltern dann abends zu Geiers Fernsehgucken gegangen sind, konnte ich Radio hören. An einem Riesengerät mit einer Skala. Beromünster, Hilversum und wie diese wichtigen Sendeorte alle hießen. Drehte man am Knopf, kam durch den “Äther”, wie man das damals nannte, ein Knattern und Rauschen es, bis man schließlich einen Sender hörte. Der “Äther” war aber nicht etwa das Gerät, sondern so nannte man diese merkwürdigen Luftschichten, durch die…