Vier Tage in der schönsten Stadt Deutschlands

Wie es wir alte Leute so machen, haben wir – zu meiner Ehrenrettung: zum allerersten Mal – eine Busreise gebucht. Bei der örtlichen Zeitung mit dem als überaus zuverlässig bekannten Busunternehmer.

Aber das Angebot war allzu verlockend. Eine Fahrt mit 3 Übernachtungen in einem sehr guten Hotel, alle Mahlzeiten, ein volles Programm mit Führungen. Und vor allem: dem Besuch der Elbphilharmonie mit sehr guten Karten. Kurz überschlagen: selbst organisiert hätten wir wesentlich mehr gezahlt.

Es waren vier wunderbare Tage. Das Klientel solcher Busfahrten ist etwas gewöhnungsbedürftig, wir haben den Altersdurchschnitt aber senken können.

Dafür waren die Reiseleiterin und der Busfahrer aber Perlen wie wir.

+++

Große Freiheit

Der erste Abend führte uns (natürlich?) direkt auf St. Pauli.

Aber ehrlich: hätten Sie gedacht, dass das Bilder von St. Pauli sind?

Unser kleiner Gang über die „Große Freiheit“ beginnt in der St.-Josephs-Kirche. Kein Wunder, denn „Große Freiheit“ heißt die Straße nicht etwa nach einer sexuellen Freiheit, sondern vor allem wegen der Religionsfreiheit, die dort galt.

Hamburg war wie ganz Norddeutschland nach der Reformation lutherisch. Katholische Gottesdienste waren dort verboten. Die Große Freiheit lag vor den Toren der Stadt, in Altona. Dort war Siedeln zunächst verboten, es war „all too nah“ zu Hamburg.

Aber 1640 wird es dänisch und wird zu eine der liberalsten Städte Europas. Im Gegensatz zu Hamburg zeigt es offene Tore im Stadtwappen.

Die Tore Hamburgs (re) sind geschlossen, Altonas stehen offen
Die Tore Hamburgs (re) sind geschlossen, Altonas stehen offen

St. Joseph war die erste katholische Kirche Norddeutschlands nach der Reformation.

Motto vor der Kirche
Motto vor der Kirche

Im Keller hat die Gemeinde ein Beinhaus eingerichtet. Hier lagern die Gebeine der vormals auf dem Kirchhof hinter der Kirche Bestatteten.

+++

Aber nicht nur Religionsfreiheit galt hier, sondern bald auch Gewerbefreiheit. In Hamburg wegen ihres Gestankes oder ihres Rufes unerwünschte Berufe konnten sich hier ansiedeln. Zum Beispiel die Seilmacher „Reeperschläger“, die der Reeperbahn ihren Namen gaben und auch die Prostituierten.

Dumm nur, dass die Tore Hamburgs bei Sonnenuntergang geschlossen wurden. Wen wundert’s dass manche Hamburger Bürger da abends Torschlusspanik bekamen. Die daher ihren Namen hat.

Große Freiheit 36
Große Freiheit 36
Alles Günstig
Alles Günstig
Reinemachen vor dem Ansturm
Reinemachen vor dem Ansturm
Große Dönerfreiheit
Große Dönerfreiheit
Bei Olivia Jones
Bei Olivia Jones
Die Liebste vor dem Paradies
Die Liebste vor dem Paradies

St. Pauli war und ist natürlich auch ein Zentrum der internationalen Musikszene. Hier sind wir vor dem legendären Starclub.

Nicht nur die Beatles waren hier
Nicht nur die Beatles waren hier

Am Ende der Großen Freiheit wurde den Beatles ein Denkmal gesetzt. Inzwischen war es schon ziemlich dunkel geworden.

Zur Erinnerung an eine große Zeit
Zur Erinnerung an eine große Zeit

Damit wir St. Pauli wirklich authentisch erleben können, wurde auch eine Demo angesetzt. Gegen die Verschärfung der Polizeigesetze.

Michel – Alter Elbtunnel – Portugiesenviertel

Am Samstagmorgen gibt es eine Stadtrundfahrt. Und wieder erleben wir das authentische Hamburg, nämlich Regen. Der Stadtführer spricht wie ein Buch, aber sehr amüsant und wir erfahren viel.

Regen ist das nicht, klärt er uns auf. Regnen tut es in Hamburg erst, wenn die Heringe auf Augenhöhe vorbei schwimmen.

Im Hafen in Steinwerder hält der Bus und wir gehen zum Alten Elbtunnel. 1911 wurde er gebaut und ich staune: fast genau zur Hälfte der Zeit, also vor 54 Jahren bin ich hier schon einmal durchgegangen.

Wir waren mit der Jungenschaft von Fallingbostel aus durch die Lüneburger Heide gewandert und dann ein paar Tage in Hamburg geblieben. Die Jugendherberge „Auf dem Stintfang“ gibt es heute noch, herrlich gelegen auf dem Hügel über den Landungsbrücken, direkt zwischen Hafen und St. Pauli gelegen.

Damals schien uns dieser Tunnel mit seinem Fahrstuhl hochmodern und war es wohl auch.

Im Tunnel
Im Tunnel
Aufzüge
Aufzüge

Auf der „Großen Freiheit“ waren wir damals übrigens auch. Solz sind wir in unserer Jungenschaftskluft mit Kugelkreuz zwischen den Freiern und Zuhältern spaziert und fühlten uns wie die Bekenntnissynode.

Mitte der 60er
Mitte der 60er

+++

Von den Landungsbrücken aus ging es weiter zum Wahrzeichen Hamburgs, dem „Michel“, mit vollem Namen „Hauptkirche St. Michaelis“. Auch hier war ich 1964 zum ersten Mal.

Jeden Tag ist hier um 12 Uhr Mittagsandacht mit Orgelmusik. Wir sitzen, hören

Segen auf die Stadt - Kirchenfenster im Michel
Segen auf die Stadt – Kirchenfenster im Michel

Hauptaltar
Hauptaltar

+++

Danach ist eine Pause angesagt, eigentlich die einzige im Programm. Wir entschließen uns zu einem Bummel durch das Portugiesenviertel. Wir haben das große Glück, dass an diesem Tag in den vier skandinavischen Seefahrerkirchen (die allesamt in der von den Landungsbrücken ausgehenden Dietmar-Koel-Straße liegen) Weihnachtsbazare stattfinden.

Skandinavische Weihnachtsbasare muss man einfach erlebt haben. Wir ziehen ein paar Lose, gewinnen nichts, kaufen eine Kleinigkeit und trinken uns von Glühweinstand zu Glühweinstand. Ich jedenfalls.

+++

Für viele ist das Miniaturenmuseum ein Muss, wir hätten es uns lieber erspart. 1.500 m² Miniatureisenbahnfläche mit 15.715 m Eisenbahnschienen sind hier zu bewundern. Wenn man bis zu den Gleisen durchkommt.

In der Schweiz
In der Schweiz

Schweiz bei Nacht
Schweiz bei Nacht

+++

Zum Abendessen geht es zu Gröningers Brauhaus am Zollkanal. Es gibt Grünkohl satt und dazu singt ein Hamburger Jung mit uns lustige Lieder…

BallinStadt – das Auswanderermuseum

Sehr interessant hingegen – wenn auch etwas chaotisch geordnet – fand ich am nächsten Morgen hingegen das Auswanderermuseum BallinStadt.

Von Hamburg aus verließen zwischen 1891 und 1914 fast 1,9 Millionen Menschen Europa, die meisten über das von Albert Ballin, dem Direktor der HAPAG, eingerichteten Lager.

Unterkunftshallen
Unterkunftshallen
Emigrantinnen
Emigrantinnen
Kajüte im Mitteldeck
Kajüte im Mitteldeck

In der Ausstellung
In der Ausstellung

Drei meiner Urgroßonkel waren bereits Anfang des 19. Jahrhunderts ausgewandert.

Elbhilharmonie

Abends dann der Höhepunkt der Reise: ein Konzert in der Elbphilharmonie. Nicht irgendeins, sondern Igor Levit. Igor Levit ist einer der bedeutendsten Pianisten der Welt. Auf CD hat er sämtliche Beethoven-Sonaten herausgegeben, die er jetzt auch nach und nach – immer bei vollbesetztem Haus – in der Elbhilharmonie spielte.

Das Gebäude ist natürlich beeindruckend. Schon von außen, aber erst recht der Große Saal dann im Inneren. Ebenso beeindruckend das Hörerlebnis. An jedem Platz hört man genauso gut und haargenau das, was auch gespielt wird.

Die Elbphilharmonie steht auf einem ehemaligen Speicher in der Speicherstadt am Rande des Hafens. Die Form erinnert an Segel und Wellen.

Zunächst fährt man auf einer 80 m langen, geschwungenen Rolltreppe nur auf ein Licht zu, bis man – nach einer zweiten, kleineren Rolltreppe – auf die Plaza im 8. Stock und dort direkt zu einem großen Aussichtsfenster kommt.

Fahrt ins Licht
Fahrt ins Licht

Die außergewöhnliche Form des Großen Saales war notwendig, weil das Gebäude aufgrund der Lage keilförmig zuläuft.

Der Große Saal hat 25 m Höhe und 2.100 Sitzplätze, von denen keiner mehr als 30 m von der Bühne entfernt ist.

Großer Konzertsaal
Großer Konzertsaal
Großer Konzertsaal
Großer Konzertsaal

In der Pause gehen wir noch einmal auf die Aussichtsplattform in der achten Etage. Aber es ist eiskalt und stürmt. So wird aus meinem Vorhaben, von da nochmal zu fotografieren nicht viel.

Blick auf die Speicherstadt
Blick auf die Speicherstadt
Blick auf die Hafenbrücken
Blick auf die Hafenbrücken

Hafenrundfahrt

Für den nächsten Morgen hat Nico, der rührige Busfahrer noch eine Hafenrundfahrt in einer kleinen Barkasse organisiert. Leider ist an diesem Tag wieder schlechtes Wetter, ein Wunder dass ein paar Bilder mit dem schweren Telezoom doch gelingen.

Museumsschiff Rickmer Rickmers, dahinter Schwedische Kirche und Turm St. Michaelis
Museumsschiff Rickmer Rickmers, dahinter Schwedische Kirche und Turm St. Michaelis
Elbhilharmonie
Elbhilharmonie
Elbhilharmonie
Elbhilharmonie
Elbhilharmonie
Elbhilharmonie
Elbhilharmonie
Elbhilharmonie
Im Hafen
Im Hafen
Speicherstadt
Speicherstadt
Im Containerhafen
Im Containerhafen
Im Containerhafen
Im Containerhafen
Hafenstraße
Hafenstraße

Ein Gedanke zu „Vier Tage in der schönsten Stadt Deutschlands

  1. Vielen Dank, lieber Horst, für die anschauliche und lehrreiche Doku Eurer Reise nach Hamburg.
    Sie hat nicht weniger ausgelöst, als große Lust Euren Spuren zu folgen.
    Herzliche Grüße an Euch beide
    Kurt

Schreibe einen Kommentar