In den Tag geblickt. Kalenderblatt

Heute ist mein Kalenderblatt voll von Notizen.

Kein einziger Termin heute. Dafür viele Ereignisse, die es wert sind, ein paar Worte darüber zu verlieren. Alles Ereignisse, die irgendwie mit diesem Tag verknüpft sind. Da wurde einer geboren, der mir wichtig ist, ist eine gestorben, hat eine was erfunden oder ist eine gescheitert an irgendetwas.

Für den Blog hier habe ich vor langer Zeit angefangen, täglich zu recherchieren, was mit diesem Tag verknüpft ist. Im Anfang, weil ich fürchtete, mir gehe sonst der Stoff aus. Aber jetzt, weil ich das für mich selbst schön finde.

Es ist eine Art, sich zu vergegenwärtigen, was und wer mir in meinem Leben begegnet ist – im Bösen und im Guten. Dazu gehören ja nicht nur mir nahestehende Menschen. Nicht nur Menschen, denen ich persönlich begegnet bin. Dazu gehören auch Menschen, die lange vor meiner Zeit gelebt haben.

Erst während ich das schreibe, merke ich, dass das auch mit dem Thema des morgigen Sonntags zu tun hat. Für die evangelichen Christen ist das der Ewigkeitssonntag oder Totensonntag.

So verfertigen sich die Gedanken allmählich beim Schreiben (frei nach Heinrich von Kleist)

Kalenderblatt

Wolfgang Borchert

„Ob der heute noch gelesen wird?“, wurde ich auf Twitter gefragt. Vielleicht nicht. Wolfgang Borchert war ein Nachkriegssschriftsteller, wahrscheinlich DER Nachkriegssschriftsteller überhaupt.

Wenn ich in der Epiphaniszeit – um Dreikönig herum – „meinen Alten“ seine Erzählung „Drei dunkle Könige“ vorlese, kommen manchen noch die Tränen.

„Selten hat ein Theaterstück die Zuschauer so erschüttert, wie Wolfgang Borcherts ‚Draußen vor der Tür'“, schrieb der SPIEGEL 1947.

Seine Kriegserlebnisse und die Konsequenzen, die er zog, haben mich tief geprägt. Sein Manifest „Dann gibt es nur eins“ wurde fast so etwas wie das Manifets der Friedensbewegung.

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Borcherts „Draußen vor der Tür“ war das erste Buch, das ich mir von meinem Taschengeld gekauft habe

Stell dich mitten in den Regen,
glaub an seinen Tropfensegen.
Spinn dich in das Rauschen ein
und versuche gut zu sein!

Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind ?
für Dorsch und Stint ?
für jedes Boot ?
und bin doch selbst
ein Schiff in Not!

Wolfgang Borchert starb heute, am 23. November, vor 63 Jahren.

Der Schinderhannes

Bei meiner Oma wurde fast nie Licht gemacht. „Wenns dunkel wird, soll man schlafen gehen“. In der Dämmerung erzählte sie dann manchmal – von ihr hab ichs gelernt – von früher.

Dann erzählte sie ab und zu vom Schinderhannes. Der Räuber Schinderhannes hat die Dörfer im Hunsrück und bis hinein in die Ausläufer des Westerwalds und des Taunus hinein im 18. Jahrhundert unsicher gemacht.

Meine Oma hat ihn natürlich nicht mehr gekannt, ist sie ja erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts geboren. Aber die Geschichten vom Schinderhannes wurden in den Dörfern erzählt.

Und schließlich kam der Verräter des Schinderhannes, einer seiner Räuber, aus dem Nachbarort, aus „de Lange Heck“. Und wenn ich da mit meinem Opa mal hinwanderte, erzählte er natürlich auch vom Schinderhannes.

Schinderhannes war sowas wie der Robin Hood dieser Dörfer. Von ihm wurde mit einer Mischung aus Furcht und aus Zuneigung erzählt, schließlich soll er mit seinem Räubergut den armen Dörflern geholfen haben.

Das ist der Schinderhannes,
Der Lumpenhund,
der Galgenstrick,
Der Schrecken jedes Mannes,
Und auch der Weiber Stück ?

dichtete Zuckmayer in seinem „Schinderhannes“.

Schinderhannes Johannes Bückler wurde heute, am 20. November, zum Tode verurteilt.

Windows 1.0
Erst auf meinem zweiten Computer hatte ich Windows, aber das auch nicht von Anfang an. Mein erster, ein Schneider Joyce, musste noch mit einer Diskette, die das Betriebssystem enthielt, gestartet werden und hätte nicht einmal die Kapazität einer Homepage heute gehabt.

Computerfans,die es damals auch schon gab, verachteten Windows. Nicht etwa, weil es Besseres gab, sondern weil sie alle Befehle von der Hand eingeben wollten.

So habe ich Textverarbeitung gelernt. „Word für DOS“ nannte sich das. Ziemlich mühsam, aber natürlich war ich stolz, alles zu beherrschen. Trotzdem fand ich Windows genial.

25 lange Jahre ist das her. Heute, am 20. November, vor 25 Jahren startete Windows. 10 Jahre später wurde erstmals eine Version nach dem Erscheinungsjahr benannt „Windows 95“, vorher war Gates die Stufen bis 3.0 hochgeklettert.

Bernward von Hildesheim
Dass der Hl. Bernward von Hildesheim ein überaus mildtätiger und vor allem kunstbeflissener Bischof gewesen ist, erfuhr ich erst jetzt – oder ich habe es wieder vergessen. Schließlich war ich sogar einmal beim Bistum Hildesheim zu Gast.

Und dort gibt es auch den Bernwardsturm. Der ist mir viel geläufiger. Aus einem der Lieder, die in der Jugendbewegung gerne gesungen wurden.

Etwas blutrünstig, zugegeben. Aber immerhin stammt aus dem Bauernaufstand, und der war sehr berechtigt. Vom Grunde her jedenfalls. Hören Sie selbst.

Den Text des Liedes „Die Glocken stürmten von Bernwardsturm“ dichtete Boris Freiherr von Münchhausen, in Hildesheim geboren.
Kinder haben Rechte …

erklärten die Vereinten Nationen heute, am 20. November, vor 21 Jahren und schloss dabei an eine Völkerbunderklärung von 1924 an. Die 10 grundlegenden Rechte sind:

Das Recht auf Gleichbehandlung
Das Recht auf Gesundheit
Das Recht auf Bildung
Das Recht auf Spiel und Freizeit
Das Recht auf freie Meinungsäußerung, Information und Gehör
Das Recht auf gewaltfreie Erziehung
Das Recht auf Schutz vor wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung
Das Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht
Das Recht auf elterliche Fürsorge
Das Recht auf Betreuung bei Behinderung

Die Bundesrepublik gehörte zu den wenigen Ländern, die nur unter Vorbehalt der Konvention beigetreten ist. Unter anderem, weil sie die Rechte Flüchtlingskindern nicht uneingeschränkt gewährte.

In diesem Jahr hat die Bundesrepublik ihre Vorbehalte endlich zurückgezogen.

0 Comments

  1. Borcherts „Draußen vor der Tür“ haben wir in der Schule gelesen, und Beckmanns „teck-tock“-Schritt wird mir wohl bis an mein Ende im Ohr klopfen.
    Aber wir haben auch „nachts schlafen die Ratten doch“ gelesen.

    Wessen Oma war Ende des 18. Jahrhunderts (mithin in den Jahren der ersten französischen Revolution) geboren – Zuckmayers oder deine?

    Auch ich konnte einst zig DOS-Befehle mit hunderten Attributen auswendig, obwohl ich meinen ersten Computer (immerhin ein PC-System mit 20 MB Plattenspeicher, woah!) erst 1992 bekam. Aber wir hatten es in der Schule gelernt…
    das letzte Windows-System vor Win95 war übrigens Win3.1 bzw. 3.11, die sich nur in der Netzwerkfähigkeit unterschieden. So einen Computer hatte ich später auch, mit extra großem Arbeitsspeicher (8MB statt 2, das wird heute von Speicherkarten im Fotoapparat übertroffen, ganz geschwiegen von EiPötten) und großer Festplatte. Von selbiger habe ich später mal ein Image auf eine CD-ROM gebrannt; die 575MB hatten da locker Platz.

    Ja, die Kinderrechte… Frankreich hat sie unterzeichnet, aber hält sie nicht ein… da ist es fast ehrlicher, gar nicht erst zu unterschreiben, als ja zu sagen und nein zu tun, oder?

  2. Untreuer Verwalter, Tropfen, Robin Hood, Schinderhannes?
    Bei uns wurde auch fast nie Licht gemacht. Es gab Straßenlaterne vor dem Haus.

    Mutter erzählte von Schinderhannes, Ardennenoffensive, Flucht. Die 10 grundlegenden Kinderrechte hatte sie nicht. Ich aber auch nicht. Es war in allen Punkten Übertretung.

  3. In unserer Familie wurde auch einer am 20. November geboren, der viel bedeutet hat.

    Ich danke fuer den Text ueber Bernward von Hildesheim. Als junge Studentin aus Finnland habe ich 1961 Hildesheim und den Dom besucht und von Bernward gehört, aber vieles vergessen. Gibt es noch den Rosenstock?

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