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Gin-Tasting für Anfänger

Es gehört wahrscheinlich ein gewisses Maß an – wie sagt man – Chuzpe dazu, zu einem Gin-Tasting einzuladen, wenn man gar nichts von Gin versteht.

Selbiges habe ich getan und einer der Nachbarn fragte im Verlauf des Abends „Also Du machst das also zum ersten Mal. Wir sind sozusagen die Versuchskaninchen.“ – „Ja,“ antwortete ich, „ich dachte, bei den Nachbarn kann man nix falschmachen.“

Was soll ich sagen – es lief wunderbar. Finde ich jedenfalls. Und die Nachbarn auch. Jedenfalls die Nachbarin, mit der ich zum Schluss ins Blumenbeet gefallen bin, fand das lustig und bedankte sich herzlich.

Nein, ich verstehe nichts von Gin, obwohl ich seit ein paar Jahren jeden Sonntagabend ein oder zwei Gin-Tonic trinke. Aber es geht mir wie beim Wein: ich weiß, welcher mir schmeckt und welcher nicht so. Nie im Leben könnte ich aber ein Aroma riechen oder mir gar merken, was zu welchem Gin gehört.

Und man muss mir zugutehalten, dass wir schon im fortgeschrittenen Stadium bei einem anderen nachbarlichen Treffen waren, als wir auf Gin zu sprechen kamen und ich die Einladung aussprach.

Was ich allerdings ganz gut kann, ist zu recherchieren, Fakten schnell zusammenzutragen und verständlich rüberzubringen. Es macht mir Spaß, wenn ich etwas noch nicht ganz verstehe, solange weiterzubohren, bis ich es zumindest glaube, verstanden zu haben.

Das Fazit zuerst

Es war ein schöner und interessanter Abend für alle und vielleicht gerade, weil niemand etwas besser wusste über Aroma, Geschmack und ähnliches kam es zu einem lebhaften Austausch: wonach schmeckt der, an was erinnert mich der, wie schmeckt der mit und ohne Tonic. Und was jedem so eingefallen ist.

Der Plan

An dem Abend sollte es 4 oder 5 Gins zum Probieren geben, jeweils pur und mit einem Tonic. Die Gins sollten abwechslungsreich sein. Dazwischen sollte es eine Kleinigkeit zu essen geben und ich wollte ein paar Fakten erzählen in dieser Reihenfolge

Nicht entscheiden konnte ich mich dann, ob es als vierten Gin den Hendrick’s als den Bahnbrecher des New Western Styles oder den Gin Mare als doch noch einmal anders schmeckenden Gin geben sollte.

  • Zum Ablauf des Tastings zuerst, weil die Gäste schon gleich einen Gin bekommen sollten, ohne schon viele Fakten zu wissen. Schließlich sind sie ja dafür gekommen.
  • Dann vor der ersten Probe aber noch etwas zu den Botanicals, weil sie wissen sollten, was man beim Tasting schmecken könnte.

Einige Botanicals hatte ich herausgesucht und sie wurden zur Riechprobe herumgereicht.

Liebste präsentiert die Botanicals
Liebste präsentiert die Botanicals
  • Dann den ersten Gin und das muss natürlich ein London Dry sei als Goldstandard der Ginsorten.
    Es folgen im lockeren Wechsel
  • Die Geschichte des Gins
  • Welche Ginsorten gibt es?
  • Die Tonic Waters
  • Die Garnitur

Die Gins

Manches hatte ich zuhause. Ich musste aber erst einmal ausrechnen, wieviel ich pro Gast rechnen muss und ob genügend da ist. Ich habe dafür gerechnet, dass pro Gast und Versuch je 2 cl (20 ml) Gin nötig sind. Mehr wäre zuviel, aber so viel oder wenig muss ein, um etwas riechen und schmecken zu können. Da jeder Gin mit und ohne Tonic probiert wird, brauche ich 4 dl. Bei sieben Personen mussten also noch mehr als 280 ml sein. Falls am Schluss noch einmal Nachschub erbeten würde, sollten die Flaschen also bei Beginn mindestens halbvoll sein.

Klar war, es mussten ein London Dry vorkommen und ein Distilled Gin. Außerdem ein „moderner“ Vertreter des New Western Styles und am meisten Abwechslung zu Beginn versprach ein „Flavoured“ Gin, bei uns der Flor de Sevilla von Tanquerai.

Schließlich hatten wir:

  • „den“ klassischen London Dry Gin: Tanquerai Imported
  • New Western Style Flavoured: Tanquerai Flor de Sevilla
  • den guten Destillierten Gin Tanquerai No. 10

Also konnten die Gäste wählen, probierten beide pur und entschieden sich, mit Tonic den

  • Gin Mare zu probieren.

Aber, überlegte ich, einen Sloe Gin sollten sie doch auch noch kennenlernen. Obwohl ich selbst davon bisher noch nicht so überzeugt war, also gab es auch noch den

  • Sipsmith Sloe Gin. Den Gästen hat er auch nicht geschmeckt.
Alles bereit
Alles bereit

Das Essen

Die Liebste hat dazu etwas zu essen gemacht. Es sollte etwas sein, was ohne großen Aufwand zu essen ist, schließlich saßen wir und um einen Gartentisch und wollten nicht noch extra decken. Es gab also Quiche Lorraine, Tomatenquiche, Knusperoliven, Pissaladière(nicht lachen, die heißen wirklich so, ein Zwiebelkuchen aus Nizza) und Käsemuffins. Hat alles wunderbar dazu gepasst. Kein geringer Aufwand, aber gut vorzubereiten.

Das Wissen

Und hier jetzt mein erworbenes Wissen, das ich Euch nicht vorenthalten will, obwohl es natürlich aus einigen Seiten einfach abgeschrieben ist:

Kurze Geschichte des Gins

Der Gin wurde wahrscheinlich Mitte des 16. Jahrhunderts erfunden, als der niederländische Arzt Franciscus Sylvius in Amsterdam eine Medizin gegen Magen– und Nierenkrankheiten entwickeln wollte und die Patienten großen Gefallen an der Medizin fanden.

Durch die ausgeprägten Handelsbeziehungen der Niederländer verbreitete sich das Getränk. Engländer lernten es kennen, als sie im 80jährigen Krieg der Niederlande gegen Spanien die Niederlande unterstützten. Der Gin – damals noch Genever – bekam wegen seiner die Kampfmoral stärkenden Wirkung den Beinamen „Dutch Courage“. In England erhielt er den Namen „Gin“.

In England verbreitete sich der Gin rasant, weil jede Kaschemme ihren eigenen Gin herstellte und zu Spottpreisen ausschenkte. Der Gin wurde das billigste alkoholische Getränk, auch für die Ärmsten. 1740 trank jeder Engländer im Schnitt einen halben Liter Gin pro Tag (!) Die Folgen waren katastrophal, die Sterblichkeit hoch. Die Regierung versuchte mit allen Mitteln, das Problem einzudämmen. Eine Reihe von Missernten und die scharfen Bedingungen führten schließlich dazu, dass der Verbrauch stark zurückging.

Die Hersteller waren nun zu einer besseren Qualität gezwungen. Einige – z.B. Gordon’s, Finsbury, Tanqueray -machten daraus eine Tugend und entwickelten den „London Dry Gin“. Das war ein sauber destillierter, ungesüßter Gin, dem nach dem Brennen nichts hinzugefügt werden durfte. Damit schaffte der Gin es auch in die gehobenen Schichten Englands. Er wurde zum Getränk des englischen Adels und der Reichen.  

Für über 200 Jahre blieb das der Standard. Wer einen Guten Gin trinken wollte, konnte eigentlich nur den London trinken. Das blieb so, bis 1999, als Hendrick’s einen völlig anderen Gin herausbrachte. Der New Western Style war geboren.

Was ist Gin und welche Sorten gibt es?

In der EU sind drei Ginsorten zugelassen: Gin, Destillierter Gin und London Dry Gin. Wichtig zu wissen: Damit wird nur die Art der Herstellung beschrieben, nicht aber die Geschmacksrichtung.

Außer Gin kennt die Spirtuosenverordnung auch „Spirituosen mit Wacholder“. Darunter fallen insbesondere der Genever oder der deutsche Steinhäger.

Genever
wird nicht wie Gin aus Agralkohol, sondern aus einer Maische aus Weizen, Roggen und Gerste gebrannt. Davon getrennt werden Botanics (Wacholder immer, daneben z.B. Kümmel, Koriander, Ingwer oder Hopfen) destilliert. Die Maische wird im Anschluss einer längeren Lagerung dann mit dem Destillat verschnitten.

Inzwischen kann man daneben die unterschiedlichsten Sorten unterscheiden, die aber immer einer der Grundarten angehören.

Gin
Ist gleichzeitig Oberbezeichnung (weil jede andere Sorte diese Minimalbedingungen erfüllen muss) und eigene Gattung. Bei der Herstellung dürfen weitere natürlich und/oder naturidentische Aromastoffe verwendet werden. Der Wacholdergeschmack muss aber vorherrschen. Der Mindestalkoholgehalt beträgt 37,5 % vol. Ein Gin darf „Dry“ genannt werden, wenn der Zuckergehalt nicht mehr als 0,1 g pro Liter beträgt.

Destillierter Gin
Destillierter Gin wird nochmals destilliert. Ihm dürfen nur natürliche oder naturähnliche Gewürze und Aromastoffe zugegeben werden und er darf unter der oben genannten Bedingung „Dry“ genannt werden.

Bei den meisten Gins handelt es sich heute um Destillierte Dry Gins, da hier die Gestaltungsmöglichkeiten am größten sind.

London Dry
An den London Gin (oder London Dry Gin – ein London muss immer Dry sein) werden die strengsten Anforderungen gestellt. Bei ihm  ist der Zusatz von künstlichen bzw. nicht-pflanzlichen Aromen verboten. Alle Botanicals müssen bereits am Anfang des Destillationsprozesses hinzugefügt werden, die spätere Zugabe von Aromen ist nicht erlaubt. Er muss nicht aus London kommen.

Der Klassiker
Der Klassiker

Old Tom
Der Old Tom wird nach der Destillation extra gesüßt.

Sloe Gin
Darf sich Gin nennen, obwohl es eigentlich kein Gin, sondern ein Likör ist, der meistens keine 37,5% Vol. erreicht. Hergestellt wird er ausschließlich aus Schlehenbeeren.

New Western Gin

Der  New Western Dry Gin hat oft nicht mehr das vorherrschende Wacholderaroma. Ihm werden zahlreiche verschiedene Botanicals zugesetzt. Es entstehen interessante Gins.

Zu den New Western Gins gehören auch die gefärbten Flavoured und Pink Gins. Es sind destillierte Gins, denen prägende Botanicals zugesetzt werden, die den Gin auch färben können. Es gibt sie mit Zitrusaroma, fruchtig oder aus Blüten.

Botanicals

Botanicals sind pflanzliche Stoffe, die dem Alkohol den Geschmack geben. Dabei reicht die Anzahl der für einen Gin verwendeten Botanicals von 1—50, insgesamt gibt es über 100 mögliche Botanicals.

· Wacholder – muss im Gin vorhanden sein.

· Koriander – in fast jedem Gin vorhanden. Kommt nur als Nuance zum Einsatz kommt und wirkt nicht aufdringlich. Der Tanqueray London Dry Gin gehört zu den wenigen Ginsorten, bei denen der Koriander betont ist und den Zitrusgeschmack gibt.

· Zitrusfrüchte – spielen bei der Herstellung von Gin ebenfalls eine zentrale Rolle, um ein süß-fruchtiges bis sauer-bitteres Aroma zu.

· Kräuter und Blätter – beispielsweise Basilikum, Thymian, Tee, Hibiskusblüte, Veilchen

· Früchte und Beeren –
neben Zitrusfrüchten beispielsweise Limetten, Erdbeeren, Johannisbeeren

· Samen und Kräuter –
vor allem Engelwurz, Sternanis, Kardamom, Zimt,  Kümmel, Ingwer, Iriswurzeln u.v.a.

Tonic Water

Tonic Water ist eine chininhaltige Limonade, die süße Zitrusnoten mit den bitteren Noten der Chinarinde kombiniert.  Tonic Water gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen und von verschiedenen Marken, am bekanntesten ist wohl Schweppes.

Klassisch-neutrale Tonic haben einen deutlich bitteren Geschmack, der durch Zitrusfrüchte ausbalanciert wird. Sie lassen dem Gin Raum zur Entfaltung.

Florale bzw. fruchtig Tonics haben einen blumig-frischen Geschmack, der oft die Führung übernimmt, bei einem guten Gin nicht immer wünschenswert.

Bei einem Dry Tonic sind sowohl die bittere Note als auch das Fruchtaroma reduziert, den Frischegeschmack gibt die Kohlensäure.

Würzig-herbe Tonics betonen den Geschmack des klassischen Gins. So können sie auch einen einfacheren Gin aufwerten.

Garnitur

Eine passende Garnitur kann das Aroma unterstreichen. Oft verwendet man Zitrone, weil diese sich unter den Botanicals der meisten Gins befindet.

Vor allem Rosmarin, aber auch andere frische Kräuter können den Geschmack mediterraner Gins (z.B. Gin Mare) ergänzen.

Gurken sind ebenfalls beliebt, müssen sich aber mit den Botanicals vertragen, beispielsweise im Hendrick‘s.

Tasting

In vier Hauptschritten

  1. Der Gin muss atmen
    Man hält das Glas leicht schräg, um die Ränder zu benetzen und schwenkt es etwas etwa eine Minute, damit sich die Aromen entfalten können.
  2. Das Aussehen
    Man betrachtet den Gin im Glas. Gin ist ja meist farblos, aber bei manchen Sorten gibt es eine Färbung. Man kann vielleicht auch sehen, wie er sich am Rand verhält.
  3. Der Geruch > Nosing
    Kurz vor dem Riechen noch einmal schwenken. Danach riecht man in drei Stufen:
    – zuerst die ersten flüchtigen Aromen
    – danach die länger anhaltenden Aromen, die eher den Geschmack geben
    – und schließlich die schweren Aromen, die noch länger bleiben
    Man kann im Geruch vielleicht Zitrusnoten, fruchtige, würzige oder blumige Noten und Kräuternoten unterscheiden
  4. Schließlich der Geschmack > Tasting
    – Man nimmt einen kleinen Schluck, den man leicht auf der Zunge bewegt, um das erste Aroma zu schmecken und dann die Geschmacksrichtung zu erkennen
    – Der Geschmack kann sich verändern. Nach dem ersten Eindruck entfalten sich Aromen und es bleibt ein Geschmack schließlich im Abgang zurück.
    – Es ist auch interessant, wie lange und intensiv der Geschmack wahrgenommen wird.

Und das Fazit am Schluss

Traut Euch: es hat riesigen Spaß gemacht. Autofahren sollte man danach nicht mehr. Die Papers (ein Handout) und die Unterlage für die Wissensvermittlung sende ich Euch gerne zu.

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3 Kommentare

  1. Christopher 15. August 2022

    Respekt! Du machst tolle Sachen!

    • hpp 15. August 2022 — Autor der Seiten

      Danke!

      • Anonymous 15. August 2022

        Toll, Horsti!!! Und bestimmt alles lecker, liebe Gudrun!
        Ich komme gerne auf den Gin zurück, wenn ich das nächste Mal bei euch bin! Bietest mir ja sowieso immer einen an und ich sage immer, nein, danke. Aber nächstes Mal nicht… 🙂 Beate

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