Unterm Sternenfeld – ein Tag in Santiago de Compostela

Mittwoch, 13. Juni 2018 - Tag 15

Santiago de Compostela – das bedeutet: „Heiliger Jakobus vom Sternenfeld“ erklärt uns Christian abends bei der kleinen Führung zu „zehn Geheimnissen Compostelas“.

Ich muss gestehen, mir war noch nicht einmal klar, dass die vielen Santiagos und San Diegos dieser Welt ihren Namen von San Diego – Sankt Jakob ableiten. Später davon und von dem schönen Abend noch mehr.

Nach dem Frühstück machen wir uns auf, um die „Compostela“ und das „Certificado de distancia“ zu bekommen.

Die Compostela

Die Compostela

Certificado de distancia

Certificado de distancia

Die Compostela ist die kirchenamtliche Bestätigung, dass man als Pilger „aus religiösen Motiven“ Santiago erreicht hat. Dabei muss man zumindest die letzten einhundert Kilometer zu Fuß oder zu Pferd oder die letzten 200 km per Fahrrad zurückgelegt haben und als Beleg für jeden Tag zwei Stempel unterwegs in seine „Credencial“, seinen Pilgerpass sammeln. Ab dem Mittelalter diente das Credencial als Beglaubigungsschreiben für Schutz und Unterkunft der Pilger.

Leider ist das alte Pilgerbüro, das im Reiseführer noch als sehr ursprünglich beschrieben wird, im letzten Jahr geschlossen worden, ein neues Büro ist in der Nähe. Vor dem Eingang ist noch alles ruhig, aber als wir das Gebäude betreten, sehen wir eine lange Schlange Wartender und als wir uns an das Ende stellen wollen, sehen wir, dass um die Ecke die Schlange weitergeht.

Alle warten auf ihre Urkunde

Alle warten auf ihre Urkunde

Wir machen uns auf mehrere Stunden Wartezeit gefasst, aber dann geht es schneller als wir denken. 15 Arbeitsplätze sind geöffnet und nach 40 Minuten sind wir an der Reihe. Die freundliche junge Frau prüft die Einträge, fragt nach und stellt dann mit schöner Schrift die Urkunden aus. Bei mir meint sie sogar, es seien 280 km gewesen.

Es bleibt uns noch Zeit für einen Kaffee, bevor wir – gerade rechtzeitig um noch einen Sitzplatz zu bekommen – zur Messe in die Kathedrale kommen. Als die Messe beginnt, hat sich die Kathedrale bis auf den letzten Platz gefüllt und viele stehen am Rand der beeindruckenden Kirche. Ich habe einen Platz, von dem aus ich die Zelebrierenden, den „Botafumeiro“ und zwei Fenster sehen kann, durch die das helle Sonnenlicht einfällt – ein schöner Platz.

Messe in der Kathedrale

Messe in der Kathedrale

Der Botafumeiro ist ein über über 50 kg schweres und mehr als 1,50 m hohes Weihrauchfass, das bei besonderen Gottesdiensten geschwenkt wird. Früher einmal diente es neben liturgischen höchst menschlichen Zwecken: da Pilger in der Kathedarale übernachteten, war der Gestank kaum auszuhalten und so wurde mit Weihrauch Abhilfe geschaffen.

Nach einigen Vorbereitungen und Begrüßungen in vielen Sprachen begann der Gottesdienst. Eine Nonne sang mit glockenklarer Stimme liturgische Stücke, pilgernde Priester aus mehreren Ländern konzelebrierten. Die Kommunion haben wir nicht empfangen – der Wunsch des Papstes ist mir Befehl…

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Am Abend trafen wir uns dann mit Christian zur Stadtführung. Dr. Christian Kurrat ist vor einigen Jahren zum ersten Mal nach Santiago gepilgert, seitdem hat ihn das Pilgern nicht mehr losgelassen. Er promovierte über dieses Thema, lebt jetzt in Santiago und arbeitet an einer Habilitation zu Motiven und Erfahrungen von Pilgern.

Aus reiner Freude bietet er abends kleine Touren zu den „zehn Geheimnissen Santiagos“ an. Mit uns unterwegs sind noch zwei Brüder aus Ingolstadt und ein amerikanischer Doktorand, der über Pilgern promoviert.

Es wird eine höchst unterhaltsame Führung. Christian weiß gut zu erzählen und erzählt vor allem Geschichten, zeigt das, was man sonst nicht sieht.

Im 9. Jahrhundert beobachte ein Eremit mehrere Tage eine Erscheinung: das wunderbare Leuchten eines Sternenfeldes über einem nahegelegenen Wald.

Christian vor der Kirche San Fiz de Solovio

Christian vor der Kirche San Fiz de Solovio

San Fiz de Solovio

San Fiz de Solovio

Er benachrichtigte den Bischof, der sich mit seinen Leuten sofort auf den Weg machte. Sie fanden an der von Paio bezeichneten Stelle die Gebeine des Jakobus. Der König wurde über dieses Wunder infomiert, kam ebenfalls sofort und ließ eine Kirche errichten, die später zur Kathedrale wurde. Er gilt auch als der erste Pilger.

König Alfons II., der erste Pilger

König Alfons II., der erste Pilger

An der Stelle der früheren Eremitenbehausung steht nun die Kirche „San Fiz de Solovio“, über dem Türbogen schauen die Heiligen Drei Könige, Maria und das Jesuskind in Richtung des Sternenfeldes, unter dem die Kathedrale steht. Compostela, das Sternenfeld, heißt die Stadt seitdem.

(Ihr werdet verstehen, dass ich lieber die Legenden erzähle als den wahrscheinlich realeren Hintergrund).

Im 10. Jahrhundert kamen die ersten europäischen Pilger und bald war Santiago das wichtigste Pilgerziel überhaupt.

Jakobsmuschelals Hausz

Jakobsmuschel als Hauszeichen

Die Jakobsmuschel war fast von Anfang an das „Beglaubigungszeichen“ der Jakobspilger, die Jakobsmuscheln von der spanischen Westküste durften nur dort verkauft werden. In Santiago ist sie an vielen Häusern der Altstadt zu finden. Hier ist es aber eine Eigentumsangabe: das betreffende Haus war Eigentum der Kathedrale.

An jedem Haus fand sich ein solches Besitzzeichen.

Zeichen des Fischmarkts

Zeichen des Fischmarkts

Entfernte Kennzeichnungen im jüdischen Viertel erinnern an Zeiten der Judenverfolgung.

Entferntes Hauszeichen

Entferntes Hauszeichen

Im jüdischen Viertel gibt es auch die engste Gasse der Stadt. Wer hier durchgeht, ohne dass jemand ihm entgegenkommt, bekommt einen Wunsch erfüllt. leider vergaß ich, mir etwas zu wünschen.

Hoffentlich kommt niemand entgegen.

Hoffentlich kommt niemand entgegen.

Gerne werden Fremde gebeten, die Augen zu schließen und dann den Finger in dieses kleine Loch in der Hand zu legen.

Ein kleines Loch

Ein kleines Loch

Das Mazarelotor ist das letzte erhaltene Überbleibsel der alten Stadtmauer.

Stadtmauer

Stadtmauer

Auch im Mittelalter spielten die Kinder. Wir finden im Boden so etwas wie Murmellöcher.

Murmeln

Murmeln

Die Entwicklung der Wissenschaften und der ehrwürdigen Universität von Santiago zeigt diese Skulptur. Wer noch nicht weiß, was er studieren will, stellt sich mit dem Rücken zur Skulptur und zeigt nach hinten irgendwohin – dann weiß er Bescheid.

Die Entwcklung der Wissenschaften

Die Entwicklung der Wissenschaften

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Christian führt uns noch in ein einfaches und gutes Lokal, in dem wir die einzigen Touristen sind. Gemeinsam essen und trinken wir, was auf den Tisch kommt.

Danach geht’s weiter zum Gin-Tonic und Billiardspielen in die Studentenkneipe „Momo“. Zum Glück ist es noch vor Mitternacht – erst da füllt das große Lokal mit dem herrlichen Garten sich.

(c) PUBMOMO

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Ein toller Abend, der einen tollen Tag beschließt. Manche finden nach dem Jakobsweg den Trubel in Santiago abstoßend – ich habe die Stadt von Anfang an geliebt und hoffe, einmal wieder hierher zu kommen.

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