Auf dem Jakobsweg: Eindrücke und Menschen

Menschen auf dem  Weg…

Was ich nicht erwartet hätte, und deshalb will ich damit beginnen: wie wichtig die Menschen unterwegs auf dem Jakobsweg mir waren. Da waren so viele, so unterschiedliche und so interessante Menschen. Und gleichzeitig war es auch so eine Art Panoptikum. Menschen, über die man staunen oder manchmal sich auch amüsieren oder nur wundern kann.

Zuerst natürlich die Einheimischen, die einem in Portugal und Spanien begegnen. Da gab es fast niemanden, der uns unterwegs traf und nicht mit einem „Bom Caminho“ in Portugal oder „Buen Camino“ in Spanien grüßte. Aus Autos wurde gewunken und gehupt, viele hielten an, um zu fragen, ob sie uns helfen können.

Fröhlich grüßt uns Zachäus von seinem Baum

Fröhlich grüßt uns Zachäus von seinem Baum

Ich glaube, es gab keinen Kellner, der nicht über das normale Maß hinaus freundlich war.

Aber dann auch die Pilgerinnen und Pilger, denen wir begegneten.

Wir sind ja zu dritt gegangen, aber man kann den Jakobsweg praktisch nicht alleine gehen. Unweigerlich trifft man auf Menschen, zu denen man von vornherein in einer Beziehung steht: man ist gleichermaßen Pilger.

Man kann natürlich für sich alleine bleiben, wenn man will. Aber eigentlich nur als bewusste Entscheidung. Ich hätte das so nicht erwartet, aber es gibt tatsächlich so etwas wie eine Gemeinschaft.

Einen Vorgeschmack hatte ich ja schon in der Facebookgruppe bekommen, von der ich im ersten Beitrag berichtet habe. Am ersten Abend trafen sich neun Menschen aus der Gruppe, die am gleichen Tag starteten, spontan zum Essen. Da staunte ich schon, was für verschiedene Menschen da zusammenkamen.

Gemeinsames Essen.

Gemeinsames Essen

Merkwürdigerweise haben wir davon nur Michael zweimal wiedergetroffen. Er hatte lange Beine und ging viel schneller als wir. Schon lange vor uns war er in Santiago, lief dann weiter nach Finisterre, fast ein Forrest Gump.

Imke, die junge Frau, die mir meine Kamera gebracht hatte,  ging teilweise einen anderen Weg, ich verfolgte auf Facebook, wo sie gerade war. Von Santiago aus fuhr sie mit dem Bus direkt zurück nach Porto.

Christa und Hannelore aus dem Bayrischen Wald brachen nach ein paar Tagen ihre Wanderung ab, weil es ihnen dann doch zu viel regnete.

Originale

Gleich am ersten Tag unterwegs trafen wir dann zwei „Originale“, einen Herrn aus dem Ruhrgebiet – so etwas wie ein typischer Ruhrpottler – schloss sich uns für eine Weile an. Wir nannten ihn den „Touristen“. „Nein, sowas mach ich nicht zweimal“, brummte er, als wir fragten, ob er wieder auf den Weg gehen würde. Dabei war er schon einmal den Camino Frances gelaufen, erzählte er. Der Tourist war eigentlich immer missmutig, bis er dann in einer Strandbar eine jüngere Frau fand, die ihn anscheinend anhimmelte. „Geht ruhig schon los, ich überhol euch sowieso“, meinte er. Seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen.

Gemeinsam haben wir auch Susanne aus Hamburg getroffen, eine 68jährige, die es auch am Herzen hatte. Sie zog ihren Rucksack auf Rädern hinter sich her, um ihn nur manchmal aufzusetzen. An der Fähre nach Portugal kam sie uns mit einem jungen Man entgegen, der schon aus Santiago zurückgelaufen kam. Zusammen wollten sie nun den Bus nach Porto nehmen. Mit der Fähre wollte sie dann doch nicht fahren.

Eine amerikanische Familie, bestehend aus einem überaus dicken Mann, seiner älteren Frau und deren erwachsener Tochter fiel uns eher wegen dem ewig zahnstochernden Mann auf. Aber gegrüßt haben wir immer.

In einer Gruppe, die uns mehrmals überholte, lief immer eine junge Frau nicht gerade gut gelaunt hinterher. Nur einmal, als er sie einmal kurz an der Hand nahm, sah man, dass sie anscheinend mit ihrem Freund unterwegs war.

Nicht zu vergessen, die Amerikanerin an die Siebzig, mit der ich so lange und amüsiert redete, dass ihr Mann sie schließlich abholen musste und auch meine Liebste not amused war.

Freundinnen

Oft getroffen haben wir vier junge Frauen, die gemeinsam an einer Schule in Jordanien unterrichteten. Eine von ihnen nahm nach einer Zeit den Bus, weil sie nicht mehr laufen konnte, die anderen waren immer sehr vergnügt.

Zwei der jordanischen Lehrerinnen, links Kathy aus Holland

Erfrischend waren die beiden jungen Frauen (Mädchen aus meiner Sicht) die sich erst unterwegs begegnet waren, Saskia aus Trier und Marie aus Flensburg. Sie waren immer vergnügt, eine war eigentlich mit ihrem Freund unterwegs, aber den habe sie jetzt hinter sich gelassen.

Kathy, die mit auf dem Bild ist, weil sie just auch in die Bar kam, kam aus Nordholland. Für ihre 62 war sie total lebendig – naja, wir sind ja noch ein paar Jahre älter.

Aber es gab auch noch Ältere. Mit den beiden über 70jährigen Irinnen haben wir uns öfters unterhalten. Sie gingen den Jakobsweg zum wiederholten Male, obwohl sich eine jetzt berauf nur noch am Stock schleppen konnte.

Eine kleine Gruppe aus Singapur begegnete uns ebenfalls mehrmals und winkte immer lachend. Der Vater trug das süße an die zweijährige Mädchen auf dem Rücken, die Mutter und zwei junge Frauen, vielleicht die Schwestern, liefen meist lachend hinterher.

Ein junges asiatisch aussehendes Pärchen trafen wir in einer Bar und dann wieder auf dieser idyllischen Brücke bei Castelo do Neiva.

… und andere Eindrücke

Ein kleiner Rückblick, was ich vor zwei Monaten geschrieben habe:

Den Entschluss (den Jakobsweg zu gehen) haben wir auf unserer Nordkapfahrt gefasst. Das kam so:

Noch vor zwei Jahren konnte ich keine noch so kleine Steigung überwinden oder Treppe steigen ohne japsend stehenbleiben zu müssen. Dann wurde ich am Herzen operiert, zwei Bypässe gesetzt und ein Stückchen Schwein als Herzklappe eingesetzt bekommen.

Auf der Nordkapfahrt war es dann so, dass wir das erste Mal wieder wandern konnten. Nicht so furchtbar weit, aber durch anstrengendes Gelände und ziemlich bergauf.

Ich empfand das als großes Glück, so etwas wieder machen zu können. Am Abend im Wohnmobil sagte ich dann zur Liebsten „Wollen wir nächstes Jahr nicht auf dem Jakobsweg gehen?“. „Ja“, hat sie gesagt.

Gesprochen hatten wir darüber schon öfter, aber bisher lag das völlig außerhalb meiner Möglichkeiten.

und:

Man muss für fast jedes Wetter gerüstet sein. Wir haben die erste Junihälfte gewählt, weil das wohl eine der schönsten Zeiten ist. Wahrscheinlich ist es schon warm, die Hauptregensaison ist vielleicht vorbei und vielleicht ist es noch nicht so heiß.

Ihr seht: viele „vielleicht“. Denn relativ sicher ist eigentlich nur, dass es keinen Schnee geben wird. Relativ sicher ist auch, dass es an der Küste oft windig und manchmal stürmisch sein wird und dass es auch Regen geben wird. Galicien (der nordwestliche Teil Spaniens, in dem Santiago liegt) ist „die Regenwanne Spaniens“.

Das Wetter

Um beim Wetter anzufangen: es gab Regen. Und zwar reichlich. Jeden zweiten Tag regnete es unterwegs, zum Glück nicht ganz so heftig wie am 7. Tag und wenn heftig, dann abends. Es hat unserer steigenden Begeisterung für diese Unternehmung keinen Abbruch getan.

„Regen ist flüssige Sonne“ sagt Anne Chantal immer, das ist ein beliebter Satz bei Pilgern geworden. Ganz so leicht konnten wir es nicht nehmen, aber es war in unseren Regencapes nicht halb so schlimm wie vermutet und gehörte einfach zu dem, was uns der Weg brachte.

Blick auf den Ria de Vigo

Blick auf den Ria de Vigo

Der Weg

Der Weg war anders und schöner als gedacht. Anders, weil ich mir unter „Küstenweg“ irgendwie dann doch einen Weg entlang des Strandes vorgestellt hatte, auch wenn ich anderes gelesen hatte. So wirklich und nahezu ausschließlich am Strand entlang führte der Weg eigentlich nur die ersten zwei Tage, dann hieß „Küstenweg“ immer öfter nicht direkt am Meer zu laufen, sondern immer das Meer auf der linken Seite auch durch Felder und Wiesen, über Höhen und Steige zu laufen.

Alte Pilgerstraße

Alte Pilgerstraße

Immer wieder aber mit grandiosen Aussichten auf das Meer.

Puente de Rande

Puente de Rande

Und wenn es kein Meer zu sehen gab, gab es blühende Landschaften. Also in echt.

Nicht immer war der Weg schön. Aber fast immer. Manchmal führte er und auch am Straßenrand ziemlich dicht befahrener Straßen entlang. Ich bin da als Großstadtkind und eingefleischter Tramper (als ich mal jünger war 🙂 ) abgebrühter, aber meinen beiden Begleiterinnen machte das manchmal Angst.

Manchmal ging es bergauf, glücklicherweise selten sehr steil. Aber Herzkranke müssen bei jeder Steigung aufpassen, ich musste eigentlich dauernd beim Bergaufgehen für ein paar Sekunden oder eine Minute stehenbleiben, um die Herzfrequenz wieder auf unter 100 zu bringen.

Der Liebsten dagegen bereitete es Schwierigkeiten, bergab zu gehen. Sie hat Knie, ich hab Herz. So haben wir uns gut ergänzt.

Die Anstrengung

Vor unserer Wanderung konnten wir nicht abschätzen, wie anstrengend es würde. Die längste Wanderung vorher war 16 km, jetzt sind wir bis zu 30 km am Tag gelaufen.

Ja, es war anstrengend. An einem Tag ganz besonders, danach eigentlich nicht mehr. Man wünscht sich zwar vielleicht so ab 14 km sehnlich, ans Ziel zu kommen. Aber man geht weiter. „Ultreia – Weiter“ grüßen Pilger. Und „es geht“ dann.

Das Essen, der Wein

Außer an einem Tag – und ausgerechnet dem mit dem heftigen Regen – fanden wir immer unterwegs schöne Lokale, in den wir zu Mittag gegessen haben.

Meist gab es ein „Pilgermenü“ für 8 – 10 €. Meistens aßen wir Fisch und Meeresfrüchte – ich öfters auch mal ein Stückchen Fleisch. Und tranken mittags schon unseren Wein dazu. Abends suchten wir uns dann noch mal ein schönes Lokal aus, aßen und tranken nochmal.

Was soll ich sagen: ich habe immerhin nur ein Kilo zugenommen.

Die Unterkünfte

Wir hatten über einen Veranstalter Unterkünfte mit Frühstück gebucht. Alle erwiesen sich als vergleichsweise komfortabel, immer mit eigener Dusche oder Bad. Anders hätten wir es wohl nicht gemacht.

Durch die vorgebuchten Unterkünfte waren wir natürlich an unsere geplanten Tagesetappen gebunden. Das ist der Nachteil dieser Variante. Der Vorteil natürlich: man weiß, dass man ein einigermaßen gutes Bett unterm Kopf finden wird.

Das Gepäck

Zu unserer komfortablen Variante gehörte auch, dass unser Gepäck von Unterkunft zu Unterkunft transportiert wurde und wir deshalb nur einen Tagesrucksack auf dem Rücken hatten.

Aber mit Jacke für Kälte, Regencape für Regen, 1 1/2 bis 2 Liter Wasser, ein bisschen Proviant für unterwegs und zeitweise Unmengen Papiertaschentüchern und allem, was man sonst noch für unterwegs braucht, musste man natürlich doch etwas tragen und ich habe in den zweiten Tageshälften den Rücken schon gespürt.

Die Kleidung

Meine Wanderkleidung erwies sich als toll. Ein Funktionshemd habe ich jeden Tag getragen, zwei Merinoshirts abwechselnd und drei paar Socken auch abwechselnd.

Die Shirts waren immer nach kurzer Zeit klatschnass, so schwitzte ich. Aber alle trockneten blitzschnell und es war kein Geruch zu bemerken. Wieder zuhause hat ihnen eine Wäsche allerdings auch nicht geschadet.

Ich bin heilfroh, meine neuen Wanderstiefel zuhause gelassen und meine alten gut eingelaufenen halbhohen Wanderschuhe mitgenommen zu haben. Meine Füße spürte ich nur am vierten Tag, danach nicht mehr.

Und das Spirituelle?

Pilgern ist „Unterwegs sein auf ein Ziel zu“. Wer pilgert, nimmt etwas auf sich, eine bewusste Anstrengung, um zu diesem Ziel zu kommen. Fromme Lieder sprechen davon, dass unser Leben eine Pilgerschaft ist.

Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut, zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern;
es ist das Ende gut, es ist das Ende gut.

Man muss wie Pilger wandeln,
frei, bloß und wahrlich leer;
viel sammeln, halten, handeln
macht unsern Gang nur schwer.
Wer will, der trag sich tot;
wir reisen abgeschieden,
mit wenigem zufrieden;
wir brauchen’s nur zur Not,
wir brauchen’s nur zur Not.

Schmückt euer Herz aufs Beste,
sonst weder Leib noch Haus;
wir sind hier fremde Gäste
und ziehen bald hinaus.
Gemach bringt Ungemach;
ein Pilger muss sich schicken,
sich dulden und sich bücken
den kurzen Pilgertag,
den kurzen Pilgertag.

Kommt, Kinder, lasst uns gehen,
der Vater gehet mit;
er selbst will bei uns stehen
bei jedem sauren Tritt;
er will uns machen Mut,
mit süßen Sonnenblicken
uns locken und erquicken;
ach ja, wir haben’s gut,
ach ja, wir haben’s gut.

Kommt, Kinder, lasst uns wandern,
wir gehen Hand in Hand;
eins freuet sich am andern
in diesem wilden Land.
Kommt, lasst uns kindlich sein,
uns auf dem Weg nicht streiten;
die Engel selbst begleiten
als Brüder unsre Reihn,
als Brüder unsre Reihn.

heißt es in einem bekannten Kirchenlied von Gerhard Tersteegen.

Die meisten Pilger gehen heute nicht aus religiösen Gründen los. Auch wir nicht. Ich verehre keine Heiligen und glaube nicht daran, dass die Gebeine des Jakobus in Santiago liegen.

Wir sind losgegangen aus Freude und Dankbarkeit, dass ich wieder so etwas machen kann, aus Lust, auch im Alter etwas Neues zu machen, unsere Grenzen zu erfahren.

Wir sind zusammen gewandert, haben zusammen gesungen und viel geredet und viel geschwiegen.

Wir sind auf Wegen gegangen, die vor uns seit über eintausend Jahren Menschen gehen, um an das gleiche Ziel zu kommen. Das ist die Botschaft vor allem der uralten steinernen Wege, aber auch der vielen Jakobskreuze und Kirchen am Weg.

Gemeinsam mit uns waren viele unterwegs.

Vertraut den neuen Wegen,
auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: Sich regen,
weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen
am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.

Vertraut den neuen Wegen
und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen
für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten,
das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten,
wo er uns will und braucht.

Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt,
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit.

(Klaus Peter Herzsch)

Bom Caminho.

 

 

 

 

 

 

 

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