Danke, liebe Evangelische! – 500 Jahre Reformation

Das war überwältigend. Wer hätte gedacht, dass es noch einmal allerorten überfüllte Kirchen zum Reformationstag geben würde?

Und wer hätte gedacht, dass vielerorts ökumenische Gottesdienste zum Reformationstag gefeiert werden?

+++

Ich habe schon das 450-jährige Jubiläum bewusst erlebt. Damals war ich 16 und kirchlich überaus engagiert. Es war ein großes Ereignis, auch wenn es damals natürlich keine Medienkampagnen gab und kein „Lutherjahr“.

Damals hätte man sich in Darmstadt nicht vorstellen können, dass es zum Reformationstag andere als volle Kirchen gäbe.

Luther und die Reformation war in unserer Stadt allgegenwärtig. Darmstadt hatte noch 1970 über 70 % evangelische Einwohnerinnen und Einwohner.

Jedes Jahr gab es in jeder Schule einen großen Reformationsgottesdienst, danach war schulfrei. Gottesdienstbesuch war für die Evangelischen Pflicht. Die Katholiken bekamen am nächsten Tag, Allerheiligen, zwei Stunden Unterrichtsbefreiung, um an ihrem Gottesdienst teilnehmen zu können. Von unserem freien Tag profitierten sie natürlich auch.

Reformationsgottesdienste wurden aber selbstverständlich nicht nur für die Schulen, sondern auch in den Gemeinden gefeiert.

In meiner Heimatkirche, der Martinskirche, stand gegenüber dem Altar eine jener imposanten Lutherstatuen. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ – Luther zeigt auf die Bibel, sein Fuß steht auf Büchern.

+++

Briefmarke des Vatikans zur Reformation

Briefmarke des Vatikans zur Reformation

Portal der Schlosskirche zu Wittenberg

Portal der Schlosskirche zu Wittenberg

Dass es einmal ökumenische Reformationsfeiern geben könnte, war hingegen unvorstellbar. Wir waren voller Stolz, evangelisch zu sein. Katholiken waren für uns zurückgebliebene, päpstlichem Zwang unterworfene, meistens bornierte, arme Menschen. Sie mussten knien im Gegensatz zu uns Evangelischen, die – wie Luther – aufrecht und frei stehen konnten. Niemandem untertan.

+++

1968 wurde dann der allgemeine Schulgottesdienst in Hessen abgeschafft. 1968 – das Jahr des Widerstands, der Notstandgsetze, der Studentenbewegung – und der Schülerbewegung.

Wer jetzt denkt, dass damals an Reformationsgottesdienst nicht zu denken war, irrt.

Wir haben einen  Reformationsgottesdienst selbst organisiert. Ohne Pfarrer. Und es kamen über 300 Schülerinnen und Schüler – nur der Darmstädter Oberstufen.

Pfarrerinnen gab es noch nicht. Eine von mir bis heute sehr verehrte Frau hatte zwar Theologie studiert, durfte aber als Frau nur Vikarin werden, später wurde sie dann Pfarrerin.

Es gab Impulsreferate und Arbeitsgruppen und selbstverständlich beschloss jede Arbeitsgruppe eine Resolution, die dann im Plenum der Feier nochmals diskutiert und beschlossen wurde.

Themen waren selbstverständlich die „Theologie der Revolution“, die überfällige Erneuerung des Gottesdienstes, der Lieder, die politische Relevanz von Kirche und Gottesdienst.

Reformationstag 1968

Reformationstag 1968

Reformationstag 1968

Reformationstag 1968

+++

Monatelang sind wir durch die Darmstädter Gemeinden gezogen, wurden in Kirchenvorstände, Bibelkreise, sogar in zwei Altenheime eingeladen und diskutierten über unsere Thesen. Die Leute fanden uns sehr sympathisch, ganz folgen konnten sie uns selten.

+++

Ich erzähle das, um zu illustrieren, welchen weiten Weg wir gegangen sind.

Ja, viele haben sich abgewendet. Aber viele sind geblieben. Zahlen ihre Kirchensteuer als Zeichen ihrer Zugehörigkeit und begleiten aus der Ferne ihre Kirche.

2017 überfüllte Kirchen. In Frankfurt stehen die Menschen in Schlangen vor der Katharinenkirche. Der Katholische und der Evangelische Stadtdekan predigen gemeinsam.

Das Erstaunen ist groß, dass es diesseits von Weihnachten volle Kirchen gibt. Und das zum Reformationstag, von dem angeblich fast niemand mehr etwas weiß.

Dieser Reformationstag war ein Liebesbeweis der Evangelischen an ihre Kirche. Ja, sie sind noch da und sie zählen sich noch dazu. Auch wenn sie vielleicht nur selten, gefühlt alle 500 Jahre, in den Gottesdienst kommen: diese Kirche ist ihnen wichtig.

Wir haben einen weiten Weg zurück gelegt. Ein Grund, stolz zu sein.

Foto Briefmarke: Vatikanisches Amt für Philatelie und Numismatik

Verwandte Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.