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Das kann ich nicht witzig finden

„Schreiben Sie doch mal wieder was Witziges“, schrieb mir gerade Frau M. unter dem Eindruck meines letzten Eintrags hier, freilich voller Mitgefühl angesichts meines tragischen Schicksals.

Liebe Frau M., ich muss Ihnen sagen: es ist nicht so einfach, witzig zu schreiben, wenn man derart hart gebeutelt wird.

„Lesen Sie Ihren Lieblingskrimi“, riet sie mir dann. Liebe Frau M., den habe ich heute Nacht gerade ausgelesen. Glauben Sie im Ernst, man kommt auf witzige Gedanken, wenn man so ein Buch liest. Sicher, wunderschön zu lesen, aber doch ist mir die Vorstellung eines mit Schleifchen in den schwedischen Nationalfarben verzierten abgeschnittenen Kopfes derart fremd, dass mir dazu nur neue Abscheulichkeiten einfallen, nichts wirklich Witziges.

Und dann, liebe Frau M., schließlich ist es ja so, dass ich nicht nur von Mücken heimgesucht werde, die mein Blut zu vergiften trachten.

Nein. Nehmen Sie nur gestern abend. Da sitze ich bei einem wunderschönen Essen mit meiner Liebsten. Glücklicherweise, wie Sie gleich merken werden, nicht in einem schönen Restaurant, sondern am Esstisch meiner Liebsten.

Sie wissen, dass ich am liebsten Weißwein trinke. Heute, nachdem wir uns so lange kennen, verrate ich Ihnen weshalb.

Jedesmal nämlich, wenn ich Rotwein trinke, überkommt entweder meine rechte Hand ein plötzliches Zucken oder ich greife – und so geschah es gestern – derart ungeschickt mit der rechten Hand über den Tisch, um mir noch eine oder jener zwei jener kleinen, köstlichen Frikadellchen heranzuangeln, dass ich unversehens das Rotweinglas berühre und dieses wiederum spiralenförmig zu Boden sinkt und den Rotwein über Tischtuch und – schlimmer – mein Hemd und meine Hose ergießt. Sie ahnen, welche Hose. Jene schöne, helle, neue, die ich am Tag vorher zum ersten Mal anhatte. Und jenes neue Hemd natürlich.

Ein etwa kindskopfgroßer Rotweinfleck auf dem Hemd. Auf jedem Hosenbein ebenfalls ein Rotweinfleck und merkwürdigerweise auf der Rückseite des Hosenbeins ein anderer.

Da soll man noch etwas Witziges schreiben.

Aber nun werden Sie große Augen machen: Meine Liebste riss mir sofort Hemd und Hose vom Leib, rannte in die Küche und übergoss Hemd und Hose mit einer ganzen Flasche Weißwein!

Mir natürlich reute der Weißwein und da ich als Theologe an fast keine Wunder glaube, wollte ich sie hindern und lieber Salz darüber streuen.

Aber: was soll ich Ihnen sagen: die Rotweinflecken sind völlig weg vom Weißwein, sie wurden sozusagen neutralisiert.

Ich hatte meine schöne, neue, teure Cameljeans schon aufgegeben, hatte schon daran gedacht, dass ich sie noch nicht einmal mit diesen Riesenflecken in die Bethelsammlung geben könne – und nun:

die Flecken sind weg.

Ich bin immer noch so fasziniert und glücklich, dass ich nachher gleich einmal spaßeshalber Weißwein auf die schöne Tischdecke gießen werde, nur um sie dann mit Rotwein neutralisieren zu können.

Vielleicht kann ich Ihnen ja dann endlich mal wieder eine witzige Geschichte schreiben.

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