Fünf Tage in der Nervenheilanstalt.

Nichtallzufromms Allerlei № 006

Geplant war es als Arztbesuch. An dem Tag hatte ich noch mehr vor. Wollte zu einem Fortbildungsnachmittag nach Frankfurt und endlich mal alte Kolleginnen und Kollegen wieder treffen. Traf sich terminlich gut, weil Weilmünster, wo ich den Arzttermin hatte, irgendwie fast auf der Strecke Wetzlar – Frankfurt liegt.

Gedenkstelle an die Opfer der Zwangssterilisation.

Gedenkstelle an die Opfer der Zwangssterilisation. Von Karsten11 – Eigenes Werk, Gemeinfrei

Aus dem Nachmittag in Frankfurt wurde nix, aus dem Arztbesuch wurde ein fünftägiger Klinikaufenthalt.

Was war geschehen? Fast drei Wochen zuvor wurde es auf einer Autofahrt plötzlich dunkel. Glücklicherweise fuhr die Liebste. „Was ist den jetzt los?“, fragte ich, „wird ja auf einmal dunkel.“ Die Liebste fand das nicht. Also hielt ich mir versuchsweise die Hand vor die Augen, abwechselnd. Und siehe da – oder auch siehe nicht da -, auf dem rechten Auge war es schwarz.

Schrecken. Aber nach vier, fünf Minuten war wieder alles normal. „Soll ich zum Arzt fahren?“, fragte die Liebste. Ach was, ich wollte zum Enkel. Freitagnachmittag, da kriegste sowieso keinen Arzt mehr und außerdem war’s ja schon wieder gut. Sorgen machte ich mir trotzdem, kommt vielleicht vom Diabetes.

Übers Wochenende habe ich das Ganze vergessen. Erst am Mittwoch, als die Liebste und ich im Diabetikerkurs waren, dachte ich wieder daran, weil wir auch über Folgeschäden sprachen. Ich erzählte der Kursleiterin und die riet mir, am nächsten Tag gleich zum Arzt zu gehen. Das könnte der Vorbote eines Schlaganfalls sein. An sowas hatte ich ja überhaupt nicht gedacht.

Also am nächsten Tag zu meinem Internisten. Der guckte bedenklich, machte ein Carotis-Ultraschall und ein Herzultraschall. Sah eine leichte Verkalkung in der Carotis (Halsschlagader, wenn Sie nicht so oft beim Arzt sind wie ich), aber eher im normalen Bereich.

Schickte mich am gleichen Tag noch zum MRT (Magnetresonanztomographie oder Kernspintomographie). Das ist so fürchterlich, wie es sich anhört. Der Kopf wird festgeschnallt, ein Kontrastmittel wird gespritzt und dann wirst Du in die Röhre geschoben und ewig lange dröhnend polternden Geräuschen ausgesetzt. Alles in Ordnung.

Dann noch zur Augenärztin. War ich erst vor zwei Monaten, da war alles in Ordnung. Nochmal die Untersuchungen. Nein, keine Schäden. „Sie haben Glück gehabt“, meinte sie, „Man darf ja auch mal Glück haben“. Wenn noch einmal so etwas ist, soll ich sofort zu einem Neurologen.

Zurück zum Internisten. Alle Ergebnisse gesichtet, alles positiv. Also positiv im landläufigen Sinne. Bei Medizinern ist „positiv“ ja immer ein für uns negatives Ergebnis. Erzählte ihm vom rat der Augenärztin.

„Ja, da wollte ich sie jetzt auch noch hinschicken“, meinte er beiläufig. Wir machen gleich einen Termin bei Professor Hornig.

So kam es zu meinem Artbesuch zwei Tage später.

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Geworden sind daraus dann fünf Tage in der Neurologischen Klinik Weilmünster. Professor Hornig, ein sympathischer Doktor, hörte sich die Geschichte an, untersuchte mich.

Die Untersuchung könnte ich inzwischen selbst vornehmen, jeder Arzt, der dann zu mir kam, wiederholte sie. Immer wieder. Bewegt die Hände am Rande meines Gesichtsfeldes „Sehen Sie das“, streicht mir über beide Wangen „Fühlen Sie das gleichmäßig?“, „Machen Sie bitte mal den Mund breit“. „`Drücken Sie mit dem Arm fest gegen meinen“. „Jetzt drücken Sie das Bein so fest Sie können“, klopft alles mit seinem Hämmerchen ab. Kitzelt an den Fußsohlen.

„Nein, Sie müssen hierbleiben“. „Was Sie hatten, war eine vorübergehende Blindheit auf einem Auge. Amaurosis fugax nennen wir das. Das muss wie ein Schlaganfall behandelt werden. Sie müssen mindestens 24 Stunden überwacht werden Und am Wochenende…“

Weilmünster

Weilmünster ist ein idyllisches Dorf im schönen Weiltal. Erinnerungen. Als Kind bin ich einmal im „Körbchen“ hinten auf dem Moped mit meinem Vater durch das Weiltal zu meiner Oma an die Lahn gefahren. Seitdem liebe ich das Weiltal.

Weilmünster ist ein „Marktflecken“. Steht dick auf dem Ortsschild und überall. Dass es so etwas in Hessen mehr oder weniger offiziell gibt, wusste ich gar nicht. „Marktflecken“ sind Gemeinden, denen im Mittelalter das Recht verliehen wurde, Märkte abzuhalten. Gemeinden mit minderen Stadtrechten.

Am Sonntagnachmittag gehe ich mit der Liebsten zum Marktflecken. Die Klinik liegt natürlich ein ganzes Stück außerhalb. Die beiden Cafés an der Weil haben geschlossen. Aber dann finden wir noch ein Café, das offen aussieht. Innen bis auf den letzten Platz besetzt, schwatzende Gruppen von Menschen. Der Dorftreffpunkt anscheinend. Toll. An einem Tisch werden zwei Plätze mittendrin frei für uns. Kaffee und Kuchen. Muss sein trotz Diabetes.

Die Klinik

Ich kenne Kliniken, die wie diese aussehen. Abseits des Dorfes ein großes Gelände, viele Backsteingebäude. Goddelau sieht so aus (Riedstadt bei Darmstadt), Hadamar, Wunstorf, Lüneburg und viele andere.

Gedenkstein an die "Euthanasie"-Morde

Gedenkstein an die „Euthanasie“-Morde. Von Karsten11 – Eigenes Werk, Gemeinfrei

Nervenheilanstalten. Im dritten Reich Orte des Grauens. Und noch lange darüber hinaus. Eine Enquetekommission des Bundestages stellte 1975 fest, dass psychisch Kranke in der Bundesrepublik „unter elenden und menschenunwürdigen“ Zuständen leben.

Als ich 1974 eine Bekannte in „Goddelau“ besuchte, gab dort einen Arzt pro mehr als 1000 Patienten. In großen Gemeinschaftsschlafräumen gab es ein Waschbecken, auf den Toiletten waren die Türen auf halber Höhe abgesägt, um hineinsehen zu können.

Heute gibt es keine Nervenheilanstalten mehr. Aus der Nervenheilanstalt Weilmünster sind drei „Vitos“-Kliniken geworden: Neurologie, Psychiatrie, Psychosomatik.

Kommt man auf das Gelände, fällt einem schnell ein Mahnmal auf. Es erinnert an die 278 Menschen, die hier zwangssterilisiert wurden. Aus der „Zwischenanstalt“ Weilmünster wurden 735 Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt. Aber auch in Weilmünster starben zwischen 1940 und 1945 über 3000 Patientinnen und Patienten, die meisten an Unterernährung, körperlicher Verwahrlosung, Todesspritzen.

Gedenkstein an die Opfer der Zwangssterilisation

Gedenkstein an die Opfer der Zwangssterilisation – Von Karsten11 – Eigenes Werk, Gemeinfrei

Die Kapelle

Auf dem Gelände gibt es auch eine Kapelle. Tagsüber ist sie heute ein „Raum der Stille“. In der Kapelle ist die Kanzel über dem Altar in die Wand eingelassen.

Was mag von dort oben gepredigt worden sein?

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Diese Gedanken begleiten mich in diesen fünf Tagen eigentlich ständig. Den Geruch der Irrenanstalt wird auch die heutige Klinik nicht los. Eigentlich ist das auch gut so.

Zur Hirnströmemessung bekomme ich einen Drahtkäfig um den Kopf und werde vielfach verkabelt. Dann muss ich 20 Minuten die Augen schließen. Kein nennenswerter Befund. Aber scheußliches Gefühl.

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Am letzten Tag werde ich konsiliarisch nach Wetzlar gebracht. Unter Narkose bekomme ich einen dicken Schlauchdurch die Speiseröhre geschoben. Von dort kann man näher an das Herz heran.

Festgestellt werden soll, ob nach meiner Herzklappenoperation eine Veränderung eingetreten ist und ich zusätzlich „Macomar“ nehmen muss, ein Blutverdünnungsmittel. Bisher muss ich nur ASS nehmen. Der einzige Grund für eine biologische Herzklappe liegt eigentlich darin, dass man Macomar nicht ein Leben lang nehmen muss. Eine künstliche Herzklappe hätte mein Leben lang gehalten. So muss ich vielleicht nach 15, 20 Jahren (so Gott will und ich lebe) och mal unter das Messer.

Aber ich muss nicht. Alles in Ordnung. Abends fahre ich dann wieder von Weilmünster nach Hause. Mein Auto stand ja auf dem Parkplatz.

Kapelle Klinikum Weilmünster

Kapelle Klinikum Weilmünster. Von Karsten11 – Eigenes Werk, Gemeinfrei

 

 

 

 

 

 

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