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Wer gnädig mit sich ist, kann sagen „Ich war’s“

Vor Weihnachten wird im Kollegium meiner Frau gewichtelt. Fast alle machen mit. Beim „Anwichteln“ zieht jeder den Namen einer Kollegin oder eines Kollegen und über die Adventszeit hinweg beschenkt man sich anonym mit kleinen Aufmerksamkeiten. Erst nach Weihnachten, beim „Abwichteln“, gibt man sich zu erkennen.

Wie kleine Kinder können manche kaum aushalten, endlich sagen zu können „„Ich war‘’s““. Vor allem natürlich, wenn man gemerkt hat, dass die Geschenke Freude ausgelöst haben.

Anders herum fällt es uns schwerer: „„Ich war’’s““ zu sagen, wenn mir etwas misslungen ist. Oder wenn ich einen Fehler gemacht habe, etwas Falsches gesagt habe, gar eine Schuld auf mich geladen habe. Wenn ich eine „Schattenseite“ mit mir herumtrage, von der andere nichts wissen sollen.

„Leicht gesagt…“, dachte ich deshalb, als ich die Aufforderung der diesjährigen Fastenaktion las. Da wird dazu auffordert, öfters „Ich war’s“ zu bekennen. Keine Ausflüchte mehr, keine Schwindeleien, kein Gesicht-Wahren-um-Jeden-Preis. „Leicht gesagt – aber schwer zu leben“.

So gesehen, habe ich sogar Verständnis für unseren Verteidigungsminister, der bei Fehlern ertappt wurde – schweren Fehlern für mein Verständnis. Wie er versucht, den Schaden klein zu halten, um dann nur scheibchenweise mit der Wahrheit herauszurücken. Und dann zu glauben, mit der Entschuldigung sei es getan. Ich habe ein gewisses Verständnis – aber ich sehe, wohin es führt.

Nein, da hat Margot Käßmann vorgemacht, wie es besser geht. Auch bei schlimmen Fehlern. Ihre Alkoholfahrt hat sie nicht klein geredet, sondern bekannt: „Ich bin erschrocken über mich“. Ich hoffe, dass ich das auch kann, wenn’s darauf ankommt. Aber sicher bin ich nicht.

Gerade in Betrieben, in Büros und Arbeitsteams hat die Breitschaft, Fehler einzugestehen, viel damit zu tun, welche Risiken man damit eingehen würde. Heute sagt man dazu, wie „fehlerfreundlich“ ein System ist.

Dabei meint „fehlerfreundlich“ natürlich nicht, dass jede Schlamperei akzeptiert werden muss. Sondern die Bereitschaft, gemeinsam aus Fehlern zu lernen und die Bereitschaft, „gnädig“ miteinander umzugehen.

Wahrscheinlich hat die Freiheit, Fehler zugeben und Konsequenzen ertragen zu können auch damit zu tun, ob ich mir selbst Fehler verzeihen kann. Wie gnädig ich also mit mir selbst bin. Wenn ich das bin, kann ich am Telefon leichter einmal sagen: „Ja, da haben Sie Recht, da haben wir einen Fehler gemacht“ oder auch nur „Ja, ich kann Ihren Ärger verstehen.“

Dieter Trautwein dichtete in seinem bekannten Lied „Komm, Herr segne uns“:

Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen,
schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn

Das wäre ein gesegnete Betriebsgemeinschaft, in der einer getrosten Mutes „Ich war’s“ sagen kann, ohne Angst zu haben, niedergemacht zu werden.

Eine Dienstgemeinschaft, die schlimmen Schaden heilen will und bereit ist, zu verzeihen. So eine Kultur brauchen wir in der Evangelischen Kirche.

Margot Käßmann hat das vorgemacht und ich hoffe, viele machen es nach: „Ja ich war’s – verzeihen Sie mir den Fehler“

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1 Kommentar

  1. etoile-filante 25. Februar 2011

    ein kleiner schauer, gänsehaut, beim lesen.

    zum glück ist frau Kässmann immer noch präsent, zum glück geht so viel format nicht unter.

    danke für den beitrag!

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