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Jetzt schlägts dreizehn

Glasenuhr

Versprochen ist versprochen. Ein Mann ein Wort. Gebrochene Versprechen sind gesprochene Verbrechen. – Also habe ich um Schlag 6 Uhr (18 Uhr wie man heute sagt) extra für Sie ein Foto gemacht von dieser wunderbaren Schiffsuhr der bekannten Firma Hermle, die aber merkwürdigerweise nicht im Bauch eines Schiffes hängt, sondern im Wohnzimmer meiner Liebsten, deren Vorfahren Seefahrer waren..

Sie glauben mir nicht. Die Uhr beweise etwas anderes. Nicht Punkt 6, sondern 2 Minuten nach 6 sei es gewesen. Gefehlt!

Denn im Gegensatz zu Glocken, die bekanntermaßen schlagende Beweise sind, gelten Uhren nicht als Beweise und schon einmal gar nicht Bilder von Uhren. Denn wie Sie ja wissen, sind Bilder von Uhren etwas anderes als Uhren, so wie das Bild, das Sie sich von mir machen, etwas anderes ist als ich es bin. Sogar das Bild, das ich mir von mir selber mache, stimmt in keiner Weise mit mir selbst überein.

Aber bevor ich jetzt voll ins Philosophische lappe, ich wollte auf etwas anderes hinaus:

Diese Uhr geht notorisch falsch. Zwei Minuten macht nichts, sagen Sie. Aber wir haben sie gestern erst gestellt. Manchmal geht sie vor, manchmal nach. Und mehr noch: sie schlägt falsch.

Ist doch klar, sagen Sie. Wenn sie falsch geht, schlägt sie auch falsch. Aber da irren Sie: wenn die Glocken einer falsch gehenden Uhr die falsche Zeit schlagen, geht die Glocke richtig. Ich sagte aber, sie gehe falsch.

Komm mal zur Sache, denken Sie. Gemach, Gemach. Zwei Punkt habe ich an dieser ansonsten wunderbaren Uhr auszusetzen (außer, dass sie falsch geht, was mich nicht sonderlich stört):

1. sie schlägt nicht zur erwarteten Zeit, sondern vorher oder nachher.
2. Sie glast falsch.

Damit Sie verstehen, warum mich Punkt 2 stört, muss ich erst einmal ausholen. Schiffsuhren schlagen nicht, sie glasen. Geglast wurde früher von den Wachen auf den Schiffen alle vier Stunden, so lange dauerte nämlich eine „Wache“.

Vielleicht erzähle ich Ihnen einmal bei Gelegenheit, wie ich als Junge vier Stunden Seenotwache gehalten habe, als Adenauer gestorben ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Achtmal hat der Wachhabende früher die Sanduhr umgedreht, immer nach einer halben Stunde. Und weil die Sanduhr aus Glas war, hieß das Glasen. Ja, dafür hat er eine Glocke geschlagen, ich weiß, So hängt alles zusammen. Beim ersten Drehen ein Schlag, beim zweiten ein Doppelschlag. Bis nach vier Stunden vier Doppelschläge dran waren und endlich Ende der Wache.

Wann kommt der denn endlich zum Ende, fragen Sie da natürlich. Aber solange Zeit muss bleiben, dass Sie sich das auch zum Ende anhören. Schließlich erzähle ich das ja alles nur wegen Ihnen!

Nebenbei: Das Glasen fand ich schon immer einen schönen Brauch. In meinem Studentenzimmer hing zum Beispiel ein kleiner Bierdeckel an der Wand, auf dem stand:

DEN SEINEN GIBTS DER HERR IM GLAS

Zur halben Stunde habe ich den immer einmal gesehen und zur vollen Stunde doppelt.

Also diese Uhr glast falsch. Soviel ich als alte Landratte (aber immerhin mit einem Diplom der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ausgestattet – wie gesagt, davon später vielleicht -)
weiß, wird um 0, um 4, um 8, 12, 16, 20 und 24 Uhr voll geglast. Dieses verflixte Ding glast voll um 2, um 6, 10, 14, 18 und 22 Uhr.

Da schlägts doch dreizehn.

Der dreizehnte Glockenschlag

In einer fröhlichen Gesellschaft junger Musiker, die sich von einer alten Hexe wahrsagen ließ, fragte der Kapellmeister des Königs Ferdinand l., Arnold de Bruck, wann er sterben werde. Die Antwort lautete: „Wenn die Uhr auf der Stephanskirche dreizehn schlagt.“ Alles lachte und meinte, Arnold werde dann wohl ewig leben, da dieser Fall nie eintreffen werde.

Der Musiker liebte es manchmal, an einem schönen Tage den Stephansturm zu besteigen und da bis zur Glockenstube emporzuklimmen, um die herrliche Aussicht zu bewundern. Eines Tages, eben als die Uhr die Mittagsstunde schlug, lehnte er sich zu weit vor und – stürzte vom Turme hinab. Noch vorher war sein Degen an der Glocke angekommen und hatte dergestalt den dreizehnten Schlag getan, über den sich die Wiener wunderten, bis die gräßlich verstümmelte Leiche Arnolds den Tatbestand erklärte und durch den Wächter, der ihn auf den Turm begleitet hatte, der wahre Sachverhalt kund war.

Jetzt habe ich für diesen Blog eine geschlagene Stunde gebraucht. Das kann ich mir aber nicht jeden Tag erlauben. Aber dafür habe ich Ihnen auch viel gelernt, oder?

Bis morgen

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3 Kommentare

  1. Gast 25. August 2006

    Gerade mal zwei Zitate:

    ‚Also habe ich mir ausgedacht: probier mal, jeden Tag um 6 ein kleines Foto zu machen, irgendwas, was dir gerade auffällt und darüber einen Satz oder zwei zu schreiben.‘

    und

    ‚Versprochen ist versprochen. Ein Mann ein Wort. Gebrochene Versprechen sind gesprochene Verbrechen.‘

  2. orphelins 21. August 2006

    Die Geschichte mit dem dreizehnten Schlag kannte ich noch nicht. Sehr schön!

  3. Egon Hatz 20. August 2006

    Lieber Herr Pfr. Pohl,
    glast die nun um 0 Uhr oder 24 Uhr?
    Gruß
    Egon Hatz

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