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Prag-Impressionen IV

Donnerstag, 4. Tag

Heute sind die Liebste und ich gelaufen und gelaufen. Und das bei strahlendem Sonnenschein – sprich: im Hotel hatte ich am Abend drei tropfnasse Unterhemden hängen.

Heute war der letzte Tag unserer kleinen Reise. Die Herren ahnen schon, weshalb an diesem Tag Laufen (also genauer gesagt: Gehen, später Hinken und noch später Schwanken) angesagt war. Na?

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Quer durch Prag zieht sich der „Karlsweg“. Vom Osten her verläuft er vom Platz der Republik durch Neustadt und Altstadt über die Karlsbrücke hinüber zur Kleinstadt. Ein uralter Handelsweg – klar, dass wir dem folgen mussten. Schon aus historischen Gründen.

Aber vor allem, weil sich die Liebste Großes vorgenommen. Sie wollte in Prag ein Brautkleid erstehen.

Frühmorgens, noch bevor der Hahn krähte, ging es los. Das liegt aber nur daran, dass es hier keinen Hahn gibt. Tatsächlich sind wir natürlich erst losgegangen, als die Geschäfte auch offen hatten, die wunderbaren Shoppingcenters, von denen es hier mehr gibt als in Frankfurt, die kleinen Boutiquen und prachtvollen Geschäfte…

Sie sehen, ich komme ins Schwärmen. Aber wissen Sie, Paul Gerhardt hat
mit Recht gesungen

Was helfen uns die schweren Sorgen
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit

Den Morgen haben wir es geschafft, vom Námesti Republiky aus am Rand der Altstadt entlang durch die Josefsstadt bis zur Karlsbrücke zu gehen.

Wieviele Läden wir dabei abgesucht haben, kann ich Ihnen nicht sagen, meine vier Hände haben zum Abzählen bei weitem nicht ausgereicht. Sind es in der Umgebung des Nám Republiky eher die Shoppingcentres mit ihren kleinen Läden, wird es auf der Parizska sehr mondän. Auch die exquisitesten Läden haben wir heimgesucht. Allein: es war nichts Passendes zu finden.

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Eigentlich wollten wir dann die Karlsbrücke überqueren. Aber ein Blick Richtung Brücke genügte uns. Menschenströme kommen uns entgegen. Überhaupt, nirgends auf der Welt habe ich so viele Touristen gesehen, so viele schirmschwenkende Guides, Massen hinter sich her ziehend. Wo kommen die alle her? Haben die kein Zuhause? Was für ein Glück, das wir keine Touristen sind.

Menschenmengen

Also zurück. Zum Glück kennen wir inzwischen auch die Seitengässchen und Abkürzungen. Die hier führt durch das Klementinum. Es ist ein kleines Wunder, dass man eine Straßenecke weit von den Touristenströmen kleine, schattige Idyllen findet.

Beim Klementinum

Inzwischen tuen die Füße soo weh, dass wir erst einmal zum Hotel zurück müssen. Vor dem Giallo Rossa, der kleinen Pizzeria um die Ecke, stehen zwei kleine Tischchen. Man kann wunderbar in der Sonne sitzen. Die Pizze passen glücklicherweise gerade so auf den Tisch.

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Nach dem Mittagsschlaf im Hotel geht’s noch einmal los. Dieses Mal vom Nám Republiky aus ostwärts werden die einschlägigen Läden abgeklappert. Ruhig sitze ich dabei, wenn die Liebste anprobiert. Aber jedesmal muss ich den Kopf schütteln. Nicht nur ich, auch sie ist nicht zufrieden.

Nach mehren Fehlversuchen setzen wir uns für einen Kaffee ins Cafe Franz Kafka. Ich liebe Kafka, seit wir in der Schule dieses verstörende „Die Verwandlung“ gelesen haben. Also kehren wir hier ein.

Angeblich Kafkas Cafe

Ein verschmutztes kleines Café, das aussieht, als habe hier Kafka vor 100 Jahren gesessen und Zitate seiner Werke selbst an die Wand gemalt. Die düstere Atmosphäre soll wohl kafkaesk wirken. Kafka hat oft in Cafés gesessen, in denen sich Literaten trafen. Hier definitiv nicht. Aber wir haben hier gesessen und über Zitate Kafkas nachgedacht.

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Noch einmal probieren wir unser Glück. Und – was soll ich Ihnen sagen: ausgerechnet im letzten Laden finden wir das passende Kleid. Natürlich im letzten Laden, denn von da an mussten wir ja nicht mehr suchen. Zu diesem Kleid braucht es aber noch eine Jacke. Hätten wir noch einen Tag…

Drei Monate später

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Nein, jetzt ist Schluß mit Suchen. Jetzt wissen wir, wo’s hingeht. Das heißt, ich muss schon öfters einmal auf den Stadtplan gucken, denn es geht durch winklige Gässchen. Unser Ziel ist das U Fleku. Seit 500 Jahren kommen hier Leute wie wir her, um beim 13%igen Flekschen Lagerbier einen Lendenbraten, ein Gulasch oder eine Haxe zu essen.

Im U Fleku
Sogar in den Lampen

Nach ein paar Flekschen Bierchen brechen wir auf. Zum Glück müssen wir jetzt nicht weit laufen, nur bis zur U-Bahn, dann eine Station fahren und dann ein paar Schritte zum Hotel. Und zum Glück haben wir eine Fahrkarte geschenkt bekommen.

Jetzt glauben Sie nicht, dass wir geizig sind. Die Fahrkarten hat uns die Tochter der Liebsten mitgegeben, die neulich auch schon einmal in Prag war. Zwei Stück a 18 Kronen, berechtigen zu einer Fahrt ohne Umsteigen. Passt genau.

Aus dem Gewinkel des Viertels kommen wir irgendwie falsch raus, sind schon an der Moldau, also kehrt. Nirgends ein U-Bahn-Schild, aber ich habe vorhin die Station gesehen und tatsächlich finden wir sie. Die Rolltreppe führt unglaublich steil und tief nach unten. Noch ein Fleksches Bier mehr und ich wäre schneller unten gewesen.

Die nächste Station steigen wir wieder aus. Ein Glück, denke ich noch, dass es jetzt nicht mehr weit ist. Aber sooft wir hier an diesem Platz auch schon waren, diese Ecke kenne ich nicht. Wie viele Ausgänge hat die U-Bahn? Aber ich kenne die Richtung. Also laufen wir los.

Als wir an der Bethlehemkapelle ankommen, merken wir, dass etwas bzw. wir schiefgelaufen sind. Die richtige Richtung, aber haarscharf vorbei. Jetzt befinden wir uns am diametral entgegengesetzten Ende der Altstadt. ´

Als wir schließlich im Hotel ankommen, schlage ich vor, noch ein Gläschen Wein zum Abschluss zu trinken. „Nur noch mal schnell aufs Klo“, meint meine Liebste. So machen wir’s. Aber als ich dann aus dem Klo komme, liegt sie schon im Bett. Erschöpft lege ich mich daneben.

Und glücklich gucken wir das Ende von „Kiss me, Kate“.

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Wobei das heute auch ein Bußgang für mich war. Eine Buße vor Ihnen und vor meiner Liebsten gleichzeitig.

Hatte ich doch gestern behauptet, sie habe über mich gesagt: „Du bist dumm“. Das hat sie natürlich nie gesagt und zu Recht war sie sehr sauer über mich.

„So etwas würde ich nie sagen“, meinte sie. Und diejenigen, die sie persönlich und nicht nur aus meinen kleinen Erzählungen kennen, werden ihr das glauben.

„EINMAL habe ich gesagt ‚Du bist ein Depp‘, und das hast Du mir tagelang nachgetragen“. Sie hat Recht, in sowas kenn ich nichts, da bin ich eine Mimose.

Ich habe ihr versucht zu erklären, dass ein Blog immer einmal haarscharf an den reinen Fakten vorbeigehen muss, das ist die dichterische Freiheit.

„Wenn ich demnächst in Pension gehe, werde ich einen Roman schreiben“, habe ich ihr gesagt, „und da darfst Du dann auch nicht glauben, dass da alles wahr ist.“

So, jetzt ist es raus. Aber ich schwöre: „außer diesem einen Satz war alles wahr, was ich von Prag erzählt habe.“

Prag

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