Willenlos

Nahezu geräuschlos näherte sie sich an ihr Opfer an. Als Manuela einen leisen Windzug verspürte und vom Küchentisch aufblickte, war es zu spät. Sie hatte ihr eine Injektion in den Hals gesetzt, die sofort wirkte. Das Nervengift schaltete ihren Willen aus. Zwei Bisse genügten, um die beiden zarten Fühler vom Körper abzutrennen. Gierig trank sie von Manuelas Blut.

Ihr Opfer lebte noch, aber war willenlos. Sie setze sich auf sie und Manuela bewegte sich in die Richtung, die sie ihr einflüsterte. Sie lenkte sie zu dem kleinen Haus. Hier wollte sie ein Kind bekommen und dafür brauchte sie Manuela.

Sie legte ihr Opfer im Inneren der Hütte ab, direkt neben dem kleinen Kinderkorb, in das sie ihre Brut legte. Zufrieden sah sie sich noch einmal um. Es war für alles gesorgt. Sie ging aus der Hütte und verriegelte sie sorgfältig von außen.

Niemand würde bemerken, was mit ihrem Opfer geschehen war und was ihm nun bevorstand. Ihre Kleine würde Manuela bei lebendigem Leibe auffressen.

(Horst Peter Pohl)

Ram Gal von der Ben-Gurion University im israelischen Be’er Sheva und Frederic Libersat von der Université de la Méditerranée im französischen Marseille haben beobachtet, wie die tropische Juwelwespe Ampulex compressa Küchenschaben in willenlose Marionetten verwandelt.

Der Insekten-Horrorfilm beginnt, wenn die Wespe ihrem Opfer einen gezieltenStich in den Kopf verpasst. Dabei injiziert sie einen Giftcocktail direkt in jene Nervenknoten, die den Krabbeltieren als Gehirn dienen. “Die Schabe verwandelt sich dadurch sozusagen in einen gehorsamen Zombie”, berichteten die Forscher im vergangenen Jahr im Fachjournal Communicative & Integrative Biology. Das angegriffene Tier kann sich zwar durchaus noch bewegen, tut das aber nicht mehr aus eigenem Antrieb. Ohne jeden Verteidigungs- oder Fluchtversuch lässt sie es zu, dass ihm die Wespe beide Fühler abbeißt und aus den Schnittstellen einen kräftigen Schluck Schabenblut zu sich nimmt.

Dann packt die Angreiferin ihre willenlose Marionette an einem Fühlerstumpf und führt sie zu ihrem Nest. “Die Schabe läuft dabei mit ganz normalen Bewegungen”, berichten die Forscher. “Wie ein Hund an der Leine”. Im Nest angekommen legt die Wespe der Schabe ein Ei ans Bein, versiegelt den Eingang und verschwindet. Das hilflose Opfer aber kann nicht entkommen und muss warten, bis es die schlüpfenden Larve es bei lebendigem Leib aufgefressen.

(Frankfurter Rundschau vom 03.09.2011)

4 Kommentare

  • Alfons2

    Das ist ja grauenhaft! Aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Beim Lesen dieses Beitrages kamen mir einige Fragen.

    Warum heißt die Juwelwespe so?
    Weil sie wegen ihrer schillernden Farben wie ein Juwel aussieht. Deswegen wird die Juwelwespe oft in Terrarien gehalten.

    Warum macht die Juwelwespe so etwas Grässliches?
    Die Wespe führt die erbeutete Schabe, da
    sie zu klein ist, um die Schabe zu tragen, an einem seiner Fühler zu einer Höhle, wo sie ein Ei im Körper der Schabe ablegt und das Tier in der Höhlung einschließt.

    Wie gefährlich ist die Juwelwespe für die Schaben?
    Versuche, das Brutverhalten der Juwelwespe als Mittel der biologischen Schädlingsbekämpfung zu nutzen (1941 auf Hawaii), scheiterten an der territorialen Lebensweise der Wespen und an der relativ geringen Zahl von zur Brut benötigten Schaben, die die Schabenpopulation nicht zu dezimieren vermag.

    Also den Schaben droht keine Ausrottung durch die Juwelwespe. Der Mensch dagegen – Kürze wird der 7.000.000.000ste Erdenbürger erwartet – hat dazu beigetragen, dass schon viele Arten ausgerottet wurden. Nicht gerade Schaben, die stehen noch nicht auf der Liste der bedrohten Tierarten, aber Wespen (http://www.tierundnatur.de/wes-gefa.htm) oder Hornissen (http://goeppingen.de/servlet/PB/menu/1072212_pcontent_l1/navigate1247641278250.html).

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