nichtallzufromm

Seite für Reisen, Fotografie und Gott und die Welt

Heute

…gab es keine Zeitung.

Keine Zeitung morgens zu haben, ist mit das Schlimmste, was mir passieren kann. Wenn der Tag soo schlecht anfängt, muss schon viel Gutes kommen, um ihn wieder rauszuholen.

Keine Zeitung bedeutet: brutalstmöglich wurde mein Morgenritual durchbrochen.

Mein werktägliches Morgenritual nach Aufstehen, Zähneputzen, Duschen und was man sonst noch so macht, besteht aus:

– Kaffee machen
– Briefkastenschlüssel suchen
– Zeitung aus dem Kasten holen
– Milch in den Kaffee gießen
– Mit Kaffee und Zeitung zum Esstisch gehen
– Kaffee und Zeitung dort ablegen
– zum Radio gehen und HR 3 anschalten
– zum Esstisch zurückgehen und hinsetzen
– Lesebrille aufsetzen
– erste Seite der Zeitung aufschlagen und nachsehen,
auf welcher Seite die Rätsel sind
– diese Seite aufschlagen
– den bereitliegenden Stift zur Hand nehmen
– die beiden Sudokus lösen
– zwischendurch einen Schluck Kaffee trinken
– glücklich sein, wenn ich ein Rätsel gelöst habe
oder verärgert, wenn ichs verpatzt habe
– Stift wieder beiseitelegen
– in die Küche gehen und eine zweite Tasse Kaffee machen
– mit dem Kaffee wieder zurückkommen und die Zeitung von vorne bis hinten lösen
– mit dem Rest des Kaffees an den PC gehen
– Einschalten
– Warten
– Kaffee
– EMails lesen
– Blog aufrufen
– Mir einen Beitrag „Beim Lesen der Nachrichten notiert“ aus den Fingern saugen.

Dann kann ein schöner Tag beginnen.

An manchen Tagen wandle ich dieses Ritual ab, indem ich erstmal nur den Bademantel anziehe, den Wasserhahn in der Badewanne aufdrehe (nein, Stöpsel nicht vergessen), Schlüssel suche, Kaffee aufsetze, im Bademantel zum Briefkasten (also praktisch auf die Straße) gehe, vorher aus der Tür spähe, dass mich möglichst niemand sieht („hab heute morgen den Herrn Pfarrer im Bademantel auf der Straße getroffen“ – glücklicherweise sind morgens um 6 noch nicht so viele Leute unterwegs), mit Kaffee und Zeitung ins Badezimnmer gehe, mich in die Badewanne lege (nein, Bademantel vorher ausziehe), dort in der Zeitung die Sudokuseite aufschlage, mit dem auch neben der Wanne bereitliegenden Stift Sudoukus löse, dann die Zeitung von vorne bis hinten durchlese usw.

Wie jedes gute Ritual hat es sich in langen Jahrzehnten in mehreren Stufen entwickelt:

– Das morgendliche Zeitungslesen gehört seit über 50 Jahren (seit ich lesen kann, also irgendwann erste, zweite Klasse) dazu
– Seit 40 Jahren, also seit meinem Auszug aus dem Elternhaus, – treue Leserinnen wissen das – handelt es sich um die Frankfurter Rundschau
– von demselben Zeitunkt an hat der Kaffe den Kakau ersetzt, den mir bis dahin meine Mutter vorbereitete
– Seit etwa 10 Jahren habe ich die Sudokus entdeckt
– und seit Montag dieser Woche schreibe ich „Beim Lesen der Nachrichten notiert“

Ein ganz zartes Pflänzchen
das eigentlich sorgsam gepflegt werden müsste, ist also diese letzte Stufe, ein paar Tage erst alt.
Und heute, am fünften Tag, geht das schon nicht. Es ist zum Verzweifeln

Glück im Unglück: Auf diese Weise kann ich mein seit zwei Tagen gepflegtes Ritual, einen Beitrag „Heute“ zu schreiben, zelebrieren. Ich hoffe, Sie wissen das auch zu schätzen.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

6 Kommentare

  1. Sansibar 26. März 2010

    Zeitung lesen…

    …kann man doch auch im Internet. Da gibt es fast alles, was es in der gedruckten Zeitung auch gibt. Jedenfalls das Sodoku. Und das Kreuzworträtsel. Und die Schach-Spalte. Klatsch und Entertainment. Und Politik und Wirtschaft. Wissenschaftliches. Und Gerüchte. Und wenn mal etwas wirklich spannend ist, kann man nach ein paar Klicks bei Google gleich ein halbes Buch darüber lesen – oder ein ganzes irgendwo bestellen, das bringt dann am übernächsten Tag der Briefträger nach Haus.

    Meine Frau sagt immer: Du kannst doch nicht alles glauben, was im Internet steht. Qualitätsjournalismus gibt es da jedenfalls nicht. Wahrscheinlich schreiben da nur so Leute wie Du, die lieber bloggen würden, aber nicht das Glück haben, für andere Arbeit bezahlt zu werden. Also bloggen sie für Geld. Das saugen sie sich alles aus den Fingern…

    Aha?!! Und die Zeitungsschreiber tun das nicht? Bei dem Termindruck, unter dem die stehen? Entschuldigung; aber dafür habe ich zu lange den Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde geschrieben… Man sagt ja nicht umsonst: „Der lügt wie gedruckt…“ Ich glaube lieber einem gut recherchierten Blogeintrag als einem Zeitungsartikel, der nur bei dpa abgeschrieben worden ist (merkt man daran, dass er wörtlich gleich auch in anderen Zeitungen steht) oder schnell mal umformuliert wurde, damit mans nicht sofort merkt…

    Das – finde ich – ist das tolle am Internet: Dass man insgesamt kritischer gegenüber den Medien wird. Weil man im Lauf der Jahre merkt, dass die „Zeit“ online auch nicht schlechter ist als die „Zeit“ auf Papier. (Nur dass man die nicht unter den Drucker legen kann, wenn man die Farbe nachfüllen muss…) Weil man merkt, dass Wikipädia auch nicht schlechter ist als der alte zwanzigbändige Bertelsmann im Regal, den man zum Examen geschenkt bekommen hat. Und weil man merkt, dass man auf Youtube Filme finden kann, die interessanter und kreativer sind als vieles, was während der Mittagspause im Fernsehen läuft…

    • jahreszeiten 26. März 2010

      Ich löse ja im Internet auch noch Sudoku 🙂 Die aus der Zeit. Aber Zeitunglesen im Internet kanm ich net.

      Und außerdem würde ich mich nie trauen, mein Notebook mit in die Wanne zu nehmen.

      Die nasse Zeitung kann ich einfach wegschmeißen.

      • etoile-filante 27. März 2010

        mein persönlicher kompromiss: das lokalblatt incl. druckerschwärze, inserate und todesanzeigen ( 🙂 ) in die hand und die internationale schreibe am bildschirm.
        So bin ich (wahrscheinlich) gut informiert, ohne mich zu ruinieren.

        Bisous und fröhliches arbeiten, la flitz

  2. Loco_just_Loco 26. März 2010

    Da ich ja keine schulpflichtigen Kinder im Haus habe, kann ich mir den Luxus leisten, auch mal etwas länger im Bademantel zu bleiben. Vormittags kommt ganz selten jemand vorbei, und wenn, dann telefonisch – und ich habe kein Bildtelefon.
    Nur der Hund muß mal raus, und damit der im Garten in „seine“ Ecke geht, muß ich halt aufpassen… (und sollten die Katzen wieder draußen kämpfen, muß der Hund auch nicht unbedingt dazwischenfahren.) Aber da hat mich noch keiner dumm angeguckt. Warum auch, ich arbeite ja schließlcih auch noch, wenn andere schon schlafen.

    Hat sich bei dir eigentlich schon mal jemand beschwert, weil im Eingang des Pfarrhauses Pantoffeln standen?

    • jahreszeiten 26. März 2010

      Nein, noch nie – aber bei Dir anscheinend.

      Aber gerade eben im Moment kam ein Herr vom Arbeitsamt wegen eines Zuschusses für die Beschäftigung einer Mitarbeiterin eine halbe Stunde früher als verabredet und da musste ich ihm in Pantoffeln die Türe aufmachen, weil meine Schuhe noch oben im Schlafzimmer standen 🙂

      Hat zwar etwas komisch geguckt und mir ist auch ein bisschen peinlich. Aber was solls. Bei einem Trauergespräch würde ich die Schuhe bereitstellen.

      Das frühe Aufstehen kommt nicht wegen meiner Tochter, die ist inzwischen schon 27 und in Wien, sondern weil ausgerechnet ich als früherer geborener Superlangschläfer jetzt ein seniler Bettflüchter bin. Um 6 wache ich spätestens auf, von glücklichen Ausnahmen abgesehen

      • Loco_just_Loco 23. Mai 2010

        Ja – mein stv. Presbyteriumsvorsitzender.

        Die Bettflucht kenne ich auch; zwischen sechs und halb acht bin ich auf – obwohl ich gern länger schlafen würde.

Antworten

© 2022 nichtallzufromm

Impressum - Datenschutz - Cookie Einstellungen