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Jürnjakobs Mutter

Da bei meiner alten Mutter am Bett, da ist all‘ die Arbeitssorge von mir abgefallen wie ein fremder Rock und ich bin bloß noch meiner Mutter ihr großer Jung gewesen.

Sie hat zu mir gesagt: Du bist zu scharf im Arbeiten. Du mußt nicht so hart schaffen. Du mußt dir Zeit lassen, daß du mal zur Besinnung kommst. Besinnung tut dem Menschen nötig, denn er ist nicht bloß zum Arbeiten da.

Du hast die meisten Sensen verbraucht und dein meistes Korn gedroschen. Deine letzte Ernte kommt früh genug; da brauchst du gar nicht so doll zu laufen. —

So hat meine Mutter zu mir gesprochen, denn ihr Leben war Arbeit und Mühseligkeit. Darum so habe ich es mir aufmerksam in mein Herz genommen und mein Leben überdacht.

Und siehe, sie hatte recht. Eine Mutter hat immer recht, wenn sie zu ihren Kindern spricht. Denn sie suchet ihrer Kinder Bestes und findet es auch.

Da sagte sie ganz leise, so, als wenn sie sich schämte:

Jürnjakob, sagte sie, du kannst mir mal einen Kuß geben. Mich hat so lang keiner mehr geküßt. Ich hab eigentlich bloß dreimal im Leben einen Kuß gekriegt.

Einmal, als ich mit Jürnjochen Hochzeit machte. Das andere Mal, als du geboren wurdest. Das dritte Mal, als Jürnjakob starb. Nun will ich mich fertigmachen und ihm nachgehen. So kannst du mir noch einen mit auf den Weg geben. –

Ich aber sprach: Mudding, das geht mir geradeso wie dir, und ich sehe, daß ich dein Sohn bin. Da haben wir beide was nachzuholen.

So habe ich mich ganz sacht über sie gebückt und sie richtig geküßt, und sie hat mich über die Backe gestrakt, als wenn ich noch ihr kleiner Junge war. Dann legte sie sich zurück und war ganz zufrieden.

Als ich dann aber draußen beim Vieh stand, da war ich in meinem Herzen richtig erstaunt und sprach zu mir: Jürnjakob Swehn, da liegt nun eine alte Frau und will sterben, und du hast sie im Leben nicht kennengelernt. Siehe, so lernst du sie im Sterben kennen.

Ich legte die Hand ganz sacht wieder auf ihre Hände und wir warteten. Aber nicht mehr lange.

Dann sagte sie noch was: Ick wull, dat ick in’n Himmel wer, mie ward de Tied all lanng. –

Lieber Freund, das behalte ich mein Leben lang bis an meinen Tod. Das könnte, so wie es ist, gut im Gedangbuch stehen.

Dann aber folgte sie die Hände wieder unter meiner Hand. So betete sie ganz leise unser altes Kindergebet:

Hilf, Gott, allzeit, mach mich bereit zur ew’gen Freud und Seligkeit. Amen.

Draußen auf dem Feld muss ich manchmal mitten im Pflügen stillhalten und in mich hineinhorchen.

Dann kann ich das richtig hören, was meine alter Mutter zuletzt gesagt hat. Ja, so ist es. Ich höre meiner Mutter Stimme in mir selbst.
Und dann ist mir richtig wie am Feiertag, Dann ist mir, als wenn da der Vorhang zum Heiligtum ein wenig aufgezogen wird, daß man da so’n bißchen durchsehen kann.

Wenn ich dann weiterpflüge, muß ich mich darüber immer wieder wundern.

Ich war noch ein kleiner Junge. Da hatte ich am Pfimgstmorgen mal zu lange geschlafen, was eigentlich nicht sein soll, weil man dann Pfingstekarr wird (der Letzte beim Viehaustreiben).

Da wachte ich plötzlich auf, denn ich fühlte etwas Weiches in meinem Gesicht. So stand da meine Mutter an meinem Bett. Sie beugte sich über mich und strich mir mit einem kleinen Fliederstrauß über das Gesicht.

Ganz leise tat sie das. Dabei sah sie mich freundlich an. Siehe, das ist meine erste Erinnerung an meine Mutter.

Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer
von Johannes Gillhoff, 1917

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