Kalenderblatt: Das musste mal gesagt werden

Heute erzähle ich Ihnen einmal eine wirklich peinliche Episode aus meinem Leben.

1972, ich war 21 Jahre alt, wurde in Darmstadt der Neubau des damaligen Landestheaters eröffnet. Nachdem das alte Theatergebäude, der Mollerbau, im Krieg zerstört worden war, fanden die Vorstellungen bis dahin in der Orangerie, einem sehr schönen Provisorium, statt.

Viele Darmstädter und vor allem wir jungen protestierten gegen die immens hohen Kosten des Neubaus, der zudem extrem hässlich war. Wenn ich mich recht erinnere, kostete der über 500.000 DM.

Der Hessische Rundfunk griff das Thema auf und sendete eine Diskussionsveranstaltung. Ich wurde als “Vertreter der jungen Generation” eingeladen, mitzudiskutieren.

Nun saß ich in dem kleinen Studio im Hörfunkgebäude des HR, mir gegenüber der legendäre Moderator Eike Gerken und der Intendant des Landesthaters, Günther Beelitz, und noch zwei oder drei ältere Herren.

Ich war so aufgeregt, dass ich keinen Ton herausbekam.

Eike Geerken zeigte immer auf denjenigen, der etwas sagen sollt. Bei mir zögerte er wohl angesichts meiner Aufgeregtheit ein paarmal, aber dann musste ich doch etwas sagen.

“Theater ist im Kapitalismus sowieso nur für die Reichen”

war schließlich mein Diskussionsbeitrag.

“Das musste gesagt werden”, wurde ich im Stadtjugendring gelobt. Ich schämte mich trotzdem.

Ich verschwieg dabei übrigens, dass meine (wirklich armen) Eltern mir schon einige Jahre vorher ein Theaterabonnement geschenkt hatten, damit ich etwas Kultur abbekomme.

Günther Beelitz wird heute, am 29. September, 72 Jahre alt.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.