Kalenderblatt: Vom Scheitern

Hast du jemals etwas so bildschön zusammenbrechen sehen?

Der erlösende Satz nach der Katastrophe, bevor der Tanz beginnt. Wer Anthony Quinn einmal in der Rolle des Sorbas in „Alexis Sorbas“ gesehen hat, wird weder Anthony Quinn noch diesen Satz vergessen.

Mit viel Mühe hat Sorbas eine Seilbahn gebaut, die Holzstämme vom Gebirge ins Tal bringen soll. Bei der feierlichen Einweihung werden die ersten Stämme ins Tel befördert, dann werden sie unter dem Gewicht immer schneller, der erste Holzpfeiler bricht und wie ein Domino stürzt die ganze Bahn in sich zusammen. Alles flüchtet, alles rennt…

Alexis Sorbas ist einen Moment gelähmt, dann kommt dieser große Satz.

Kann Scheitern bildschön sein?

Wahrscheinlich nur im Kino. Scheitern ist nie schön. Scheitern kränkt und Scheitern lässt manchmal verzweifeln. So wird es selten gelingen, das Scheitern so humorvoll zu sehen wie Alexis Sorbas.

Ihm gelingt das, indem er radikal sein „Projekt“ von seiner „Person“ trennt. Nicht Sorbas ist gescheitert, sondern „nur“ sein Projekt Seilbahn.

Die Bibel geht noch einen Schritt weiter. Für sie gehört das Scheitern zum Normalfall des Lebens. Menschen sind und bleiben unvollkommen. Sie machen Fehler, scheitern. In all dem wachsen sie auf Gott hin.

Nicht nur im Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ findet man die Botschaft, dass kein Scheitern dem Menschen seine Würde nehmen kann – die Bibel nennt das „uns von der Liebe Gottes trennen kann.“

„Alexis Sorbas“ ist sicher einer der schönsten Filme der Filmgeschicht. Die Musik zum Film stammt von Mikis Theodorakis.

Heute, am 3. Juni vor 9 Jahren starb Anthony Quinn.

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur peu à peu, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(Kurt Tucholsky)

Kalenderblatt: Vom Scheitern

0 Gedanken zu „Kalenderblatt: Vom Scheitern

  1. Ein sehr schöner Beitrag, und das Gedicht – echt Tucho!
    Was das Scheitern angeht, halte ich es mit Beckett:

    Ever tried
    ever failed
    no matter
    try again
    fail again
    fail better

    Einen wunderbaren Freitag!

  2. Mein Lieblingssatz in puncto Scheitern, sozusagen mein persönliches Mantra in vielen Lebenslagen: „Ich bin nicht gescheitert. Ich habe zehntausend Wege entdeckt, die nicht zum Ziel führten…“

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