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Die #Pille für den Mann

1968, ich war 17. lud unser Schulpfarrer zu einem Wochenendseminar in die Evangelische Akademie ein. Thema: Die „Pille“.
Meine Eltern waren not amused, aber was sollten sie machen.

Der Seminartitel lockte Scharen von Schülern an – wir waren, wie es sich gehörte, ein „Gymnasium für Jungen zu Darmstadt“.

Glücklicherweise gab es nebenan ein „Gymnasium für Mädchen zu Darmstadt“ und die waren auch eingeladen. Deren Eltern waren erst recht not amused. Aber ein paar kamen trotzdem.

Das Thema war irgendwie schweinisch und peinlich. Nur die coolsten, aber den Begriff gab es damals noch nicht, trauten sich, in den Diskussionen etwas zu sagen. Wir anderen saßen mit knallroten Köpfen rum und waren erleichtert, wenn wieder das Licht für einen Lehrfim ausgemacht wurde.

Nach einem Vortrag fragte uns einer, ob wir überhaupt wüssten, was „Kontrazeptiva“ sind“. Natürlich hatten wir keine Ahnung, auch irgend sowas Schweinisches wahrscheinlich.

Abends gab es Diso. Das war damals so, dass nach einigen Liedern das Licht dunkler wurde. Dann wurde „In the year twentyfive“ oder so was gespielt. Dann konnte man sich, so man das Glück hatte, ein Mädchen zu ergattern, im Laufe des Tanzes immer enger an sie anschmiegen. Damals war Kommunikation ohne Worte möglich.

Belehrt sind wir wieder nach Hause gefahren und kamen uns vor wie die Superhelden.

Ich traute meinen Ohren nicht, als ich irgendwann meine Mutter zu meiner kleinen Schwester sagen hörte, dass sie mit ihr zum Frauenarzt gehen wollte. Wegen der Pille. Meine kleine Schwester und sowas!

Natürlich nahmen die Freundinnen, die irgendwann sogar ich kurzfristig für mich gewinnen konnte, die Pille. Das änderte sich kollosal in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Da hielten die Frauen, die ich kannte, die Pille erstens für schädlich, zweitens für eine reine Männererfindung und drittens schwörten sie auf die Schleimmethode und die Temperaturmessung. Da waren die schönen Zeiten erst mal futschi.

Aber nett war, dass die Frauen die Pille für den Mann nahmen.

Heute wird die Pille 50. Die „Mutter der Pille“ hat der Frankfurter Rundschau ein lesenswertes Interview gegeben.

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4 Kommentare

  1. Sabi57 9. Mai 2010

    war es nicht vielleicht ein Mädchenlyzeum??? Weil auf eben so einem war ich auch, und in the year 2525 gabs auch auf den Partys im „Keller“ der evang. Kirchengemeinde, „da hast du angefangen Drogen zu nehmen!“ Originalton meine Mutter! Stimmt gar nicht, ich war immer nur der Droge Alkohol zugetan, und es war wunderbar schrecklich! lg

    • jahreszeiten 10. Mai 2010

      Bei uns hießen die Lyzeen schon „Gymnasien für Mädchen“. So fortschrittlich war man in Hessen schon.
      Ja, das war in den Gemeinden die große Zeit der Parties und „Tanzabende“, da durften die Mädchen hin.

  2. stadtpomeranze 9. Mai 2010

    Hallo Jahreszeiten,
    och bin Jahrgang 1954 und finde die männliche Sicht auf die damaligen Entwicklungen interessant zu lesen.
    „Damals war Kommunikation ohne Worte möglich“ – ich würde „war“ durch „schien“ ersetzen, aber „damals“ war es letztendlich zum Glück auch gut so, wie es war.
    Auch „die Mutter der Pille“ ist ein amüsantes und erhellendes Interview.
    Gruß
    SP

    • jahreszeiten 9. Mai 2010

      Ja, „schien“ ist natürlich korrekter. Zum Glück schien das wunderbar zu sein und nur noch besser werden zu können…

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