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Ich will in die Ruhezone

Neulich saß ich auf der Toilette eines Lokals, als ich plötzlich von nebenan hörte: „Hallo, wie geht’s?“ Ich war ein bisschen indigniert, weil ich gewöhnlich kein Gespräch auf der Herrentoilette anfange, aber antwortete höflicherweise doch „Danke, ganz gut“.

Der andere fragte: „Und was machst du?“ Ich wunderte mich über das „Du“ und die etwas zu intime Frage und sagte nur kurz „Dasselbe wie Sie“ und hoffte, dass er jetzt aufhört.

Aber es kam noch schlimmer: „Darf ich zu dir kommen?“ – das ging jetzt wirklich zu weit, aber ich bewahrte Fassung: „Nein danke, kein Interesse“

Und dann hörte ich ihn sagen: „Du, hör mal, ich ruf dich gleich wieder an. Nebenan sitzt irgendein Idiot und antwortet immer auf meine Fragen.“

+++

Nein, das habe ich nicht wirklich erlebt. Es ist ein Witz, den ich neulich hörte. Aber fast vorstellbar, oder?

Gestern habe ich endlich die Zugfahrt zum Kirchentag nach Dresden gebucht. Genauer gesagt: nach Meissen, denn dort werden wir wohnen. Natürlich war das viel zu spät. Nur mit Mühe habe ich noch zwei Plätze reservieren können. Aber die gewünschte Option „Ruhebereich“ war nicht mehr buchbar.

Also werden wir im Handybereich sitzen. Das wollte ich gerne vermeiden. Denn seit es „Handybereiche“ gibt im ICE nehmen das viele wohl als Freibrief, jetzt erst recht telefonieren zu dürfen, was das Zeug hält. Schrilles Klingeln, Furchtbare Melodien, Polizeisirenen, Kirchenlieder, Babygeplärre – alles ist geeignet, um den Mitfahrenden zu signalisieren: Ich kriege wieder einen Anruf.

Die meisten Menschen, die im Zug telefonieren, scheinen zu glauben, man müsse durch den Funk schreien, so laut unterhalten sie sich. Man kriegt Geschäftsabschlüsse mit, hört mit Unbehagen, wie einer wohl gerade seine Sekretärin niedermacht. Oder man hört, wie einer mit seiner Freundin Schluss macht. Immerhin ist das noch etwas feiner als per SMS, aber deshalb muss ich das ja nicht unbedingt mitbekommen.

Das einzige Glück ist bei unserer Fahrt, dass sie nur etwa 5 1/2 Stunden dauert. So wird uns erspart bleiben, was einige Reisende in einem Zug zwischen Los Angeles und Seattle pssierte. Geschlagene 15 Stunden telefonierte eine Frau in diesem Zug ununterbrochen. Sie ließ sich auch von Bitten, doch leiser zu reden oder einmal eine Pause zu machen, nicht beirren.

Schließlich hatte der Schaffner genug. Er ließ den Zug anhalten und die Frau von Polizisten festnehmen. Ich weiß zwar nicht, was ein einschlägiger Haftgrund gewesen sein könnte, aber die Mitreisenden werden erleichtert gewesen sein.

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6 Kommentare

  1. Ebenen 20. Mai 2011

    Also erst habe ich wirklich, wirklich herzhaft lachen können…. Viiiielen Dank

    Ich fahre sehr, sehr selten Zug und darüber bin ich sehr froh. Mir geht es so, dass ich diese seltsamen Gespräche, zu denen ich verdonnert werde sie mitzuhören, nicht mehr aus dem Schädel kriege. Und allermeist sind es die seltsamsten Dinge, die einfach irgendwie in meinem Gehirn haften bleiben.
    So weiss ich heute noch, wie die Frau aussah, die ihrer Freundin erzählte, dass sie keine Kaugummi mehr kauen könne, weil sie viel zu viel Spucke produziere.

    Ich kann dir nur empfehlen, so du Musik liebst, ein wenig entspannende Musik zu hören. Das geht aber nur, wenn du einen MP3 Player, oder wie die Dinger heissen (ich selbst habe keinen).

    Auch ich wünsche euch trotz allem eine angenehme Fahrt und ein schönes Wochenende.

  2. Sabi57 20. Mai 2011

    je mehr Anrufe, je lauter die Stimme, desto wichtiger ist Frau/Mann und ich summe dann immer mal wieder …“kein Mensch ruft mich an…keine Sau interessiert sich für mich“
    In diesem Sinne ein schönes ruhiges Wochenende! lg Sabine

  3. etoile-filante 20. Mai 2011

    oh ja, bekannt….. ich reise öfter mal 12 std mit dem zug in die schweiz :>

    • etoile-filante 20. Mai 2011

      PS die frau war bestimmt französin oder hatte französische vorfahren :))

      • Loco_just_Loco 25. Mai 2011

        dabei darf man doch in französischen Zügen nur im Einstiegsbereich telefonieren – da, wo der Lärm der Schiene eh jedes Telefonieren unmöglich macht…
        Aber das bedeutet ja für den Franzosen an sich: Übertrete das Verbot, es schränkt deine Freiheit ein!

        Ich bin im TGV zum Telefonieren immer an einen Ort gegangen, wo es nicht verboten ist, aber vielleicht auch nicht ideal für längere Gespräche: aufs Klo. Da hört man wenigstens die Schiene nicht so deutlich.

        • etoile-filante 25. Mai 2011

          …“Übertrete das Verbot, es schränkt deine Freiheit ein!“

          kürzer kann man es nicht auf den punkt bringen :))

          WIR haben ja einschlägige erfahrung, gell!

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