nichtallzufromm

Seite für Reisen, Fotografie und Gott und die Welt

Schalt mal wieder

„Sie sind so schaltfaul“

sagte mein Fahrlehrer vor über 40 Jahren. Ich sollte endlich lernen, so schnell wie möglich und so hoch wie möglich zu schalten.

Heute denkt man da anders und wahrscheinlich schalte ich immer noch viel zu schnell hoch.

Meine Liebste fährt ein Auto mit Automatik. Das ist natürlich völlig unter meiner Würde. Aber je öfter ich damit fahre, umso mehr genieße ich es, nicht schalten zu müssen.

Wahrscheinlich aus reiner Schaltfaulheit schalte ich auch meinen PC und mein Handy so selten aus.

Alex Rühe hat ein halbes Jahr „abgeschaltet“.

Alex Rühe hat das wirklich geschafft. Ist vom Netz gegangen. Kein Blackberry mehr, kein Internet, keine Emails. Obwohl er all das als Redakteur der Süddeutschen eigentlich dringend braucht.

Darüber hat er ein amüsantes und nachdenklich machendes Buch geschrieben: „Ohne Netz“.

In sein Buch hat er mir als Widmung vorne rein geschrieben:

Schalt mal wieder aus!

Ein Satz, zu dem meine Liebste wissend lächelt. Nein, ich schalte selten aus. Jedenfalls, was den PC betrifft und neuerdings mein Smartphone. Dabei bin ich einer, der durchaus abschalten kann.

Alex Rühe schreibt 222 Seiten, wie schwer ihm trotz Ausschalten das Abschalten fällt.

Abschalten und Herunterfahren

Zuerst scheint alles klar. Am Computer ist ein kleiner Schalter, mit dem kann man ihn ausschalten – aber das stimmt ja schon lange nicht mehr.

Früher einmal gabs den. Da ist es einem öfters mal passiert, dass man einfach ausgeschaltet hat, ohne vorher „herunterzufahren“.

Übrigens auch so ein Begriff. „Herunterfahren“. Müsste es nicht eigentlich „Hinunter fahren“ heißen? Oder bin ich schon unten und der PC muss noch nachkommen? Und was hat das mit dem „Nun komm mal wieder runter“ zu tun? Fragen über Fragen.

Seit wann redet man so?

Merkwürdig, dachte ich. Sagte meine Mutter nicht schon über mich „Der kann völlig abschalten“ und war das nicht lange, bevor es Computer gab?

Seit wann sagt man das? Seit es Radio gibt? Oder etwa schon, seit es Lichtschalter gibt? Seit man Strom einschalten und ausschalten kann?

Seit wann verwendet man einen derart technischen Begriff? Seit die technische Welt völlig in unser Leben Einzug gehalten hat?

Ich wollte dem „Schalten“ einmal nachgehen

Und siehe da: es ist beileibe kein neues Wort. Goethe verwandte es gerne, reimte es sich doch auf Vieles. Halten, Walten, Kalten, Falten, Schalten, Verhalten, Alten.

Als er Schiller 1800 einen Aufsatz schickte, schrieb er ihm: „Schalten Sie damit nach Belieben!“ und meinte damit in etwa: „Sie können darüber herrschen“.

Vom Schalten und Walten

Ursprünglich bedeutete „Schalten“ „ein Schiff steuern“ (ahd. scaltan, md. schalden, mhd. schalten). Ein Boot wurde mit der Schalte, einem Steuerholz bewegt.

Nebenbei: ein anderer „Schalter“ kommt daher auch. Das war das Trennholz, der Holzladen, der z.B. den Bahnbeamten vom Reisenden trennen konnte.

Daraus wurde im 16. Jahrhundert „Schalten“ im Sinne von „Regieren“ allgemein.

Was selbst er nur mit halben Kräften
Vermag zu glauben und zu halten,
Sucht er mit herrisch frechem Schalten
der Welt gewaltsam anzuheften.

Nikolaus Lenau

Wir kennen den Begriff in dieser Bedeutung fast nur noch in der Verbindung „nach Belieben schalten und walten können“.

Schalten bedeutet: Macht haben über etwas

Es ist also umgekehrt. Der technische Begriff „Schalter“ zeigt, dass wir Macht haben über etwas. Wir können es ein- und ausschalten, können abschalten und umschalten.

Ein Grund mehr, das mal wieder zu tun.

Dehalb werde ich jetzt mal meinen PC runterfahren, den Strom ausschalten und bei Wein, Weib und Tatort abschalten.

Mist. Seh ich doch gerade, dass Alex Rühe einfach schrieb: „Mach mal wieder aus“. Hätte ich mir die ganze Philosophierei sparen können.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

4 Kommentare

  1. Loco_just_Loco 13. Februar 2011

    Doch doch, man soll immer noch so schnell wie möglich hochschalten, um die Drehzahl „runterzufahren“ ;). Je höher der Motor dreht, um so mehr Energie braucht er, um sich selbst am Laufen zu halten – um so teurer läuft er also.

  2. sn 10. Februar 2011

    Ha, ich sehe, Sie haben denselben Fehler gemacht wie ich, die ich just heute das Buch von Alex RühLe ausgelesehen habe: das kleine schmale „l“ hinter dem h übersehen… Das wurde mir beim Lesen mitten im Text bewusst, als er über seine Mutter als „Frau Rühle“ schreibt, da fiel es mir auf.

    Das Buch ist richtig klasse, soviele schöne Zitate, Vergleiche, Denkansätze… Ich bin inzwischen sehr oft offline, bei Facebook nur noch selten, twittern tat ich eh nie, und auf der Arbeit sitze ich soviel vorm PC, dass ich zuhause abends selten Lust dazu habe. Das „real life“, das auch gut bevölkert ist, hat bei mir jederzeit Vorrang.

    Danke für die schönen Erläuterungen zum Wort „Schalten“! Und übrigens, auch mein Fahrlehrer schalt mich früher schaltfaul… 😉

    Herzliche Grüße!

  3. Alfons2 8. Februar 2011

    Schalt mal wieder (ab) ist eine gelungene Betrachtung über etwas, was wir so nötig haben wie das Ein- und das Ausatmen, wie das Einschlafen und das Erwachen. Es macht nachdenklich, wenn man die Entwicklung, den Bedeutungswandel des Wortes schalten verfolgt. Andererseits zeigt sich, dass es im Kern viel von seiner ursprünglichen Bedeutung bewahrt hat.

Antworten

© 2022 nichtallzufromm

Impressum - Datenschutz - Cookie Einstellungen