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Lebensbilder

Ficken ist Frieden

Dunkel erinnere ich mich, sie bei einem meiner vielen Berlinbesuche gesehen zu haben.

Sie saß vor der Gedächtniskirche und hatte vor sich ein Schild „Ficken ist Frieden“.

Wahrscheinlich habe ich indigniert weggesehen. Ich bin ein toleranter Mensch, deshalb habe ich ihr durchaus ihren Platz an der Gedächtniskirche zugestanden.

Und innerlich, war ich sogar bereit, ihrer These etwas abzugewinnen. Aber ich wäre viel zu verklemmt gewesen und bin es ja bis heute, um mit ihr darüber zu reden.

Ich habe sie wohl für verrückt gehalten.

Das taten auch die, die sie einmal in die Klinik einwiesen. Da blieb sie ein paar Tage, benahm sich ganz normal. Freundlich, nett, unauffällig. Man konnte nicht anders, als sie zu entlassen.

Schnurstraks kehrte sie zur Gedächtniskirche zurück und legte ihr Schild vor sich: „Ficken ist Frieden“.

Die Frau, von der ich rede, hieß Helga Goetze und starb heute, am 29. Januar, vor drei Jahren.

Geboren wurde sie 1922. Mit zwanzig heiratete sie einen – und das war wohl durchaus wertschätzend gemeint – ihren „edlen Gatten“. Den hat sie, wie sie einmal sagte, in 25 Ehejahren nicht einmal nackt gesehen.

Dann lernte sie in Sizilien Giovanni kennen, der ihr radebrechend sagte: „Ich habe Hunger auf disch“.

47 war sie, hatte 7 Kinder. Eine gute Hausfrau, die zum ersten Mal – ihr Mann erlaubte ihr, eine Nacht mit Giovanni zu verbringen – einen Orgasmus erlebte.

Seitdem hatte sie eine Mission. Frauen vor allem zu sagen, dass sie keine Tussis mehr sein sollen, wie sie ein war. Dass Sex etwas Tolles ist.

Sie gründete ein „Institut für Sexualaufklärung“, spielte in einem Film von Rosa von Praunheim mit, saß täglich an der Gedächtniskirche.

Sie dichtete, malte, gab eindeutige Zeitungsannoncen auf.

Und stickte Bilder, die heute in der Collection de l’Art Brut zu sehen sind.

Eine Gedenkseite

10 Antworten auf „Ficken ist Frieden“

Vielen Dank für diese anregenden Zeilen. Bisher kannte ich Helga Goetze nicht.

Ihr erstes Leben als Tussi wurde als normal eingestuft. Ihr zweites stempelte sie zum Outsider. Dieser Bericht hier erinnerte mich sofort an ähnliche Schicksale, die mir in der Ausstellung Weltenwandler im Städel bekannt wurden. So überraschte es mich nicht, dass einige ihrer Werke Teil der ständigen Ausstellung der Collection de L’Art Brut in Lausanne sind.
http://www.artbrut.ch/Presse/F-communiqu%E9_de_presse_Helga_Goetze_allemand.pdf

Was ist „normal“, was ist „verrückt“? Gibt es wirklich eine solch klare Trennlinie? Dazu haben sich Schülerinnen und Schüler der Montessori-Hauptschule, des Schlossgymnasiums und der Kolleg-Schule Kikweg in Düsseldorf ihre Gedanken gemacht. Das Ergebnis könnte uns zu denken geben:

Verrückt ist für mich
• dass die Menschen unachtsam mit ihrer Welt umgehen
• wenn Menschen umgebracht werden
• wenn Menschen sich umbringen und andere mit hineinziehen
• wenn Männer Frauen vergewaltigen
• wenn man auf andere Menschen losgeht
• wenn Leute jeden Tag zu Hause rumhängen
• wenn Mädchen ihre tollen fünf Minuten kriegen und man nicht weiß, woran man ist
• wenn Menschen wirres Zeug reden oder tun, weil sie psychisch krank sind
• Gameboy spielen
• S-Bahnsurfen
• Krieg führen
• sein Leben aufgeben
• für mich gibt es höchstens im guten Sinn etwas Verrücktes: wenn jemand z. B. einem anderen 100 Rosen schenken würde

Normal ist für mich
• sich dem Alltag anzupassen
• einfach brav und lieb sein
• einfach langweilig sein
• wenn Fortuna verliert
• wenn meine Mutter mich anbrüllt
• wenn ich ausflippe
• wenn jemand nur selten seelische Probleme hat
• wenn jemand so handelt, wie er wirklich ist und sich nicht verstellt, nicht verrückt

http://www.behindertenpastoral-dbk.de/1_behinderungen/07_kinder/01_seiten/10_was_ist_normal.html

Lieber Alfons,
ich habe über Helga Goetze geschrieben, weil ich außergewöhnliche Menschen mag und bewundere, auch wenn sie mir manchmal peinlich sind.
Sie hat ja gegen alle möglichen Tabus verstoßen: Sex im Alter, freien Sex, Lust am Sex , sich öffentlich anbieten, Privates öffentlich machen undundund
Das ordnen wir lieber als verrückt ein.
Liebe Grüße in mein geliebtes Südhessen (oder schon Baden-Württemberg?)
Horst

Ich kannte diese Dame nicht. Habe von ihr nie gehört. Bis auf heute, durch Dich. Danke dafür.

Welch ein Leben, welch eine Frau. Mutig, zu sich selbst stehend, so schätze ich sie ein.
Schade, dass sie verstorben ist. Ich hätte sie gerne kennen gelernt.

Ach Horst. Die Sprache ist ja, – Gott sei gedankt! – ein solch unübersehbares Feld.
Als ich diesen Titel von Dir sah, war mein erster Gedanke: Häh? Was geht jetzt ab…

Und ich gebe Dir Recht: Man kann es auch anders formulieren. Und Recht hat diese Dame in jedem Fall. Ich stelle mir vor, jemand möchte eine Aussage machen, niemand hört zu. Auf (in) einer feinen Gesellschaft. Diese Aussage wäre aber immens wichtig.
Und dann habe ich auch das Recht, zu einer Sprache zu greifen, welche nicht fein, aber wirkungsvoll ist.
Ich wünschte, es gäbe mehr von diesen Menschen.

Ganz liebe Grüße,
Werner

Zum Kosmos weiß ich keine Grenze. Sonne kennt ihre Tage nicht. Das Pyramidendreieck weiß sie auch nicht.

Die Frau hieß Götze. Ein Bild (Vorstellung) sollst du dir nicht machen. Das ist ein Götze!:-)

Unbelebte Körper (Himmelskörper) und Atmosphäre sind kein Bigboss, im Sinne von Worte, haben kein Urheberpersönlichkeitsrecht. Ursprache ist unbekannt.

Wandel, Ab/Umwandlung ist die Regel. Das ist Bewegung, nicht starre Vorstellung.
Gewohnheiten bringen da aber manchmal doch Solches.

Vgl.:
Kind des Lichts: Ideale – Nobility of ideals – Gedankenflüge http://bit.ly/g8ZmQ6
Erst kommt das „vögeln“. Nahrungs/Wasseraustausch.
Beischlaf = Erkennen.

Wie auch immer: Erst kommt das „Vögeln“. Nahrungs, Wasseraustausch. Irgendwann dann Beischlaf = Erkennen.

Ich lebe zwar monogam, aber mir ist egal was andere machen, solange sie sich nicht an Kinder vergreifen, vergewaltigen oder alternativ im Wahn versuchen sich zu kastrieren. Ich habe beides am eigenem Leib, bzw als Mitbetroffene erfahren. Im sehr frommen Dunstkreis standen die Einen, wie die Anderen früher. Mein Ex, so alt wie du, meinte noch mit 30 J., dass Ferkel aus dem Maul geboren werden. Aufklärung wäre Anfechtung gewesen. Nach katholischem Kirchenrecht wäre Ehe wenigstens annulierbar gewesen. Hätte ich eigentlich versuchen können, denn einmal katholisch immer katholisch. Auch nach Austritt gilt katholisches Kirchen(straf)recht, aus Sicht des Vati-kann. Aber woanders getraut? Keine Ahnung. Manchmal tauchen komplizierte Fragen auf, die für mich nicht mehr wirklich relevant sind.

Priesterliche Trauung haben sich die Paulaner von Römern abgeschaut, nach dem die Männer Herren wurden und Nachname erhielten. Mit Zwang (päpstl. Bußgeldrohung) wurde im 12 Jh. Trauung durchgesetzt. Bis 7te Generation Heirat verboten, fanden die Katholiken nach der Trauung schnell Verwandte 7ten Grades), zwecks Annulierung der Ehe. Es war ja doch nicht überprüfbar.Dem Spektakel folgte ca. 13 Jh. Nottaufenpraxis, mit Grundlage Erbsündenlehre, aus 4 Jh.. Protestanten in Frankreich nutzten im 17 Jh. zunächst nur Standesamt.

Tut mir leid, ich bin Ariern Goldkopf Zarathustra, Hei (Mäzen, Dichter) ohne Landbesitz, ultimativ die 12te, eine Jungfrauengeburt, ohne vernichtetem Stier (Buchstabe A) und 1 = Dominica.

Den Staub-Lauter verehre ich nicht Sola Skriptura.

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